Die Anreise
15 Tage vor Reisebeginn sitze ich hier
nun ungeduldig vor dem Computer und warte, dass die Zeit vergeht. Wieso ich
damit beginne? Der Grund dafür liegt an dem Dreh- und Angelpunkt der gesamten
Reise: Dem Karneval in Rio de Janeiro.
Heute ist der 14. Dezember 2004. Seit den
ersten, ernsthaften Überlegungen an eine Reise, in der wir die Länder
Argentinien und Brasilien bereisen wollen, ist etwa ein Jahr vergangen. Ab
heute 9:00 Uhr brasilianischer Zeit (12:00 Uhr MEZ) werden die Tickets für die Karnevalsparade
im Sambodrome angeboten. Auf meiner Uhr ist es 10:45 Uhr.
Es ist schon merkwürdig, dass mein erster
Gedanke diesem Ereignis gegolten hat und das dieser nun wiederum der letzte der
einjährigen Vorbereitungszeit werden soll. Anders gesagt, wenn ich die
Eintrittkarten nicht bekommen kann, dann ist der Grund der gesamten, 50
tägigen, Reise hinfällig.
Ich sitze wie auf heißen Kohlen. Letztes
Jahr waren die 2500 Karten innerhalb von 48 Minuten ausverkauft. Und jetzt
werde ich gleich in Brasilien anrufen, um zwei dieser heißbegehrten Karten zu
ergattern. Dann auch noch englisch sprechen, bloß kein portugiesisch, das kann
ich sowieso nicht. Schön langsam sprechen, denke ich mir, wegen der
Zeitverzögerung. Die Preise bewegen sich pro Karte von ca. 80 US$ bis sage und
schreibe 20.000 US$. Aber das ist es uns wert, die 80 US$ natürlich.
Viel Geld haben wir durch die
rechtzeitige Vorbereitung bereits gespart. So konnten wir die Flugtickets noch
ohne Kerosinzuschlag und halb so teuer wie heute, im Frühjahr 2004, in der
Flugbörse in Braunschweig, kaufen. Ein immenser Aufwand, bei dem letztendlich
10 Teilflüge so kostengünstig wie möglich zusammengestellt worden sind. Nichts
von der Stange. Ebenso konnten wir die Mietautos über das Internet durch
Preisvergleich und Tarifauswertungen so in die Reise einbinden, dass wir diese
effizient nutzen werden. Einen erheblichen Teil der Vorbereitungen nahm das
Ausfindig machen von Unterkünften und dessen Reservierung in Anspruch. Auch
Bus-, Schiffs- und Bahnverbindungen mussten wir erst einmal ermitteln, bevor
wir die Reiseroute nach unseren Vorstellungen festlegen konnten.
Dann war da noch die Frage des Urlaubs.
Immer wieder wurde ich gefragt, ob Ina denn acht Wochen am Stück nehmen könne?
Sie kann. Was einem Neuseeländer nur ein Schmunzeln entlocken würde, ist in
Deutschland fast nicht mehr vorstellbar. Die Angst vor dem Verlust des
Arbeitsplatzes hat sich mittlerweile tief in die Köpfe der Menschen
eingebrannt. Über acht Wochen nicht am Arbeitsplatz zu erscheinen, kommt einem
Todesurteil gleich.
11:35 Uhr. Die Nervosität nimmt zu. Ich
fühle mich wie vor einer Klassenarbeit. Ich rufe mir die Internetseiten der
Sambaschule Liesa und der Tourismusagentur Riotur aus Brasilien auf und suche
mir die günstigste Telefonverbindung nach Rio aus der Telefonauskunft heraus.
Dann halte ich es nicht mehr aus und wähle die erste Nummer. Doch niemand geht
ans Telefon. Bei den anderen Nummern werde ich auf portugiesisch zugetextet und
in die Warteschleife verband, bevor das Besetztzeichen zu hören ist. Einmal
bekomme ich jemanden an die Strippe, aber er ist des Englischen nicht mächtig,
so dass er irgendwann auflegt. Frustriert beende ich das Spiel nach einer
dreiviertel Stunde.
Nun bleibt nur noch eine
Touristenagentur, die das Ticket für 189 US$ über das Internet anbietet. Wir
bekommen auch eine Rückmeldung, aber der Ansprechpartner fordert eine Kopie
meiner Visa Card an, was ich nicht machen werde. Unglücklicherweise wird auch
noch unser Flug von San Martin de los Andes nach Cordoba zum zweiten Mal
geändert, weshalb ich die Mietdauer des einen Leihwagens und eine Hotelbuchung
ändern muss. Eine positive Nachricht erreicht uns aus Salta. Die noch
ausstehende Busverbindung nach Resistencia ist gebucht worden. Zum Kurs von
1,32 tauschen wir nochmals 1.000 US$ in der Volksbank.
Noch 11 Tage bis zum Abflug!
Jetzt kommt auch noch eine
Flutkatastrophe in Südostasien über die Ticker der Nachrichtenagenturen
geflattert. In den Köpfen einiger Verwandter drehen die Gedanken nun völlig
durch. Uns werden Ratschläge erteilt, die Strände zu meiden. Wissen die
überhaupt wo Argentinien liegt?
Ich habe mittlerweile Kontakt zu einer
weiteren Agentur in Rio de Janeiro aufgenommen. Wir bekommen Karten für das
Sambodrome, Sektor 7, für 700 Reales pro Person, abzuholen Silvester in einer
Straße nahe der Copacabana. Bingo!
Es wird endlich Zeit aufzubrechen. Ich
bin nun komischerweise recht entspannt. Was möglich war, habe ich gemacht und
was nicht, lässt sich nun auch nicht mehr herbeireden.
So kommt der 29. Dezember 2004. Die
Rucksäcke stehen gepackt im Wohnzimmer. Wir trinken in aller Ruhe Kaffee, aber
die Anspannung ist wieder da. Der Druck nimmt zu. Los jetzt. Wir regeln die
Heizung runter, der Kühlschrank wurde von Ina schon vorgestern leergeräumt,
weil das Thermostat den Geist aufgegeben hat. Ein Fall für die Zeit danach. Ich
bringe die Sachen zum Auto und wir fahren nach Frellstedt. Dort bringt mein
Vater uns mit dem Wagen zum Bahnhof. Er nimmt ihn wieder mit nach Frellstedt,
wo er die sieben Wochen über stehen bleiben kann. Wir lösen ein
Niedersachsenticket, weil es mit 21 Euro billiger ist als zwei Einzelkarten.
Den Tipp hatte ich bei einer Anfrage in Hannover, wegen des abgeschafften Rail
and Fly-Tickets, bekommen.
In Braunschweig werden die schon obligatorisch
gewordenen Satellitenzeitungen gekauft, da wir eine halbe Stunde Aufenthalt zu
überbrücken haben und ich während der Reise etwas zu lesen brauche. Dann geht
es über den Hauptbahnhof Hannover weiter zum Flughafen. Geflogen wird dieses
Mal mit der brasilianischen TAM ab Paris. Den Zubringer macht die Air France
Regional.
Diese lässt uns mit einer Verspätung von
einer Stunde erst einmal gleich hängen, so dass wir unseren Besuch auf dem
Eifelturm gleich streichen können. In Paris erfragen wir am Schalter der TAM
die Telefonnummern, unter denen wir unsere weiteren Flüge in Südamerika
rückbestätigen lassen können. Dieses ist sehr wichtig, da die
Fluggesellschaften die Plätze sonst anderweitig vergeben, wenn man nicht drei
Tage vor Abflug diese rückbestätigt.
Um 20:00 Uhr können wir nun endlich
Einschecken und morgens um 05:50 Uhr landen wir nach 11 Stunden und 20 Minuten
etwas zerknautscht in Sao Paulo. Bem-vindo na Brasil!
Silvester in Rio de Janeiro
Den Weiterflug nach Rio de Janeiro um
08:30 Uhr übernimmt die Varig. Am Flughafen müssen wir erst einmal Geld tauschen. Im
internationalen Teil zücke ich meinen kleinen Solarrechner aus dem Portemonnaie
und errechne einen viel zu schlechten Kurs. Außerhalb ist der Kurs dann
annehmbar und wir entschließen uns gleich 1.000 US$ zu tauschen, da wir die
Sambodromekarten ja auch noch bezahlen müssen. In der Ankunftshalle werden wir
von Taxifahrern umlagert. Da wir nach Niteroi, auf die andere Seite der Bucht, fahren
müssen, rechne ich mit einem höheren Preis als nach Rio. Wir landen bei unseren
Verhandlungen bei 70 Reales. Einen Preis, den ich danach nie wieder bezahle,
aber angesichts der Unkenntnis und Erschöpfung nach der langen Anreise, willige
ich schnell ein.
Niteroi ist
mit Rio über eine 14 Kilometer lange, mautpflichtige, Brücke verbunden. Keine
Stunde später liegen wir im Hotel Village Icarai in unserem Zimmer und schöpfen eine
Stunde lang neue Energie. Nachdem wir uns frisch gemacht haben, verlassen wir
das Zimmer und lassen uns an der Rezeption den Weg zur Copacabana erklären.
Dieser führt erst zum Strand von Niteroi. Jetzt bemerken wir zum ersten Mal die
Wärme, die uns nun begleiten wird. Nach Minusgraden in Deutschland und einigen
Grad in Paris, sind nun über 30 Grad angesagt. Das entschädigt für die bisherigen
Strapazen.
Mit einem Bus fahren wir zum Fährableger.
Für einige Reales kann man sich von hier aus alle zwanzig Minuten nach Rio
hinüber fahren lassen.
In Rio angekommen, fragen wir uns nach
einer U-Bahnstation durch. Die Eingänge sind schlecht ausgeschildert und schwer
zu finden. Uns fällt auf, dass die ganze Innenstadt mit Papierschnipseln
übersät ist. Da wir morgen Silvester haben, ist es hier Brauch, seine alten
Rechnungen zu zerreißen und diese Schnipsel vom Dachgeschoss der Hochhäusern zu
kippen! Wir kaufen Tickets für die U-Bahn und fahren Richtung Copacabana. Dort
finden wir auch die Adresse der Agentur, die die Eintrittskarten für das
Sambodrome verkauft.
Im vierten Stock befindet sich ein
abgeschlossenes Büro. Wir klopfen und ein junger Mann lässt uns ein. Wir
erfahren, dass die Frau, die auf meine Anfrage per e-Mail geantwortet hat,
nicht im Büro ist. Des Weiteren könne er uns die Karten nicht geben, da diese
erst kurz vor der Parade ausgegeben werden, weil die Fälschungen sonst überhand
nehmen würden. Stattdessen würde er uns einen Gutschein ausstellen, den wir
dann am Karnevalstag einlösen müssten. Na super! Dafür der ganze Aufriss! Nach
einigen Telefongesprächen, wo mir das ganze Procedere noch einmal jemand auf
englisch erklärt, winke ich ab. Ich gebe doch nicht jemandem, den ich vor einer
Stunde zum ersten Mal gesehen habe, ohne Gegenleistung 1.400 Reales, bzw. 500
Euro! Enttäuscht und mit der Gewissheit, dass wir nicht im Sambodrome dabei
sein werden, verlassen wir das Gebäude.
So langsam macht sich bei uns ein
Hungergefühl breit. Wir gehen in einer Parallelstraße zur Copacabana in ein
Restaurant, wo das Essen nach Gewicht bezahlt wird. Egal, ob Gemüse oder
Fleisch, alles ein Preis. Ich sitze erschöpft am Tisch. Mein Körper hat keinen
Bock mehr, der Kreislauf liegt danieder.
Nach dem Essen kommen die Lebensgeister
langsam wieder. Wir gehen zur Copacabana und betrachten das Strandleben. Die
Promenade ist mit Hotels zugepflastert, der Strand mit Menschen überfüllt. Die
hübschen Chicas am
Strand mit der knappen Bekleidung, wie man die Bilder aus dem Fernsehen kennt,
gibt es aber wirklich. Ob das hier immer so aussieht? Oder ist das nur wegen
Silvester? Wir wissen es nicht.
Auf dem Rückweg gehen wir in eine Saftbar
und lassen uns frischgepressten Limonensaft schmecken. Danach gibt es noch
einen Besuch in einem Internetcafe, um den Daheimgebliebenen vom guten
Eintreffen zu berichten.
Da es bald dunkel werden wird, machen wir
uns auf den Rückweg. Um 20:00 Uhr fällt Ina ins Bett und ich gehe noch ein Eis
essen und kaufe zwei Spieße am Straßenrand, die wir dann im Zimmer verdrücken.
Nach 37,5 Stunden auf den Beinen geht unser erster Tag dieser Reise zu Ende.
Der Morgen beginnt mit einer Analyse des
Fernsehprogramms im Hotel. Die Auswahl ist so groß wie in Europa, aber die
Inhalte auch genauso mies. Die deutsche Welle berichtet über die Tsunamifolgen und der großen Spendenbereitschaft
der Deutschen. Diese Berichterstattung soll uns den ganzen Januar über erhalten
bleiben. Hier interessiert das kaum jemanden. Katastrophen gibt es laufend auf
der Welt, aber die Kamera ist dann dort nicht präsent. Außerdem hat man genug
Probleme mit sich selbst. Um 10:00 Uhr, gerade noch rechtzeitig, erscheinen wir
beim Frühstück. Das Buffet im
Frühstücksraum des Hotels ist über einem riesigen Felsen aufgebaut worden. Ich
frage mich, ob der später irgendwie eingefügt wurde oder ob das Haus einfach
darum herum gebaut wurde. Durch die Tür geht der jedenfalls bei weitem nicht.
Das Frühstück ist reichhaltig und im
Preis inbegriffen. Die Wahl auf ein Hotel in Niteroi fiel in dem Moment, als wir die
Hotelpreise in der Karnevalszeit für Rio de Janeiro aus dem angeforderten
Prospekt eines deutschen Reiseveranstalter gesehen haben. Zu dieser Zeit werden
nur Carnaval-Packages (4 Tage) angeboten. Die Preise sind bis zu 10fach höher als
normal und bewegen sich zwischen 800 US$ und 2.500 US$ für ein Zimmer an der
Copacabana. Gott und dem Internet sei Dank, konnte ich durch Nachforschungen
dieses Hotel für nur 45 US$ in Niteroi finden.
Am heutigen Silvestertag fahren wir
wieder nach Rio rüber. Wir steigen aus der U-Bahn an der nächstgelegenen
Station zum Zuckerhut aus und fragen uns zu einem Bus, der dort hin fährt, durch. Dabei uns ein Mann behilflich.
Er hat deutsche Vorfahren und begleitet uns sogar bis zur Busstation. Als ich
ihm einige Reales dafür geben möchte, winkt er ab und gibt uns seine
Telefonnummer.
Der Bus hält einige hundert Meter vor der
Talstation. Wir lösen zwei Tickets und mit einer Gondel, in die etwa 40
Personen passen, geht es hinauf bis auf die Zwischenstation. Von dort aus fährt
eine zweite Seilbahn bis auf den Zuckerhut. Der Ausblick ist atemberaubend. Man
kann die Stadt mit ihren Hochhäusern, die Strände und die Bucht mit ihren
Inseln, bis hinüber nach Niteroi, überblicken. Wer viel Geld ausgibt, kann sich dem
Zuckerhut mit dem Helikopter nähern. Ein Flugzeug über uns malt Kreise in den
Himmel.
Wieder am Boden angekommen, besteigen wir
den nächsten Bus und lassen uns zum Strand von Ipanema bringen. Wie schon an der Copacabana ist
auch dieser Strand mit Menschen überfüllt. Allerdings kommt uns das Flair
angenehmer als an der Copacabana vor. Alles wirkt moderner und ist auch nicht
so abgewohnt wie dort.
Am Nachmittag fahren wir mit einem Bus
zum Fährableger zurück. Der Verkehr ist in den Straßen hinter den Stränden
nicht einmal mehr im Schritttempo zu bewältigen. Die Busse stehen sich manchmal
nur einige Millimeter entfernt gegenüber. Hier helfen auch die
halsbrecherischen Aktionen der Busfahrer nicht mehr weiter. Irgendwann löst
sich das Knäuel auf und wir kehren nach Niteroi zurück. Am Strand teilen wir uns eine
Kokosnuss. Der Händler schlägt diese oben mit einer Machete auf und steckt
einen Strohhalm in die Öffnung. Die Kokosnüsse sind voll mit Kokoswasser und
löschen besser als Wasser den Durst.
Am Abend gehen wir gegen 21:00 Uhr zum
Strand. Die Strandstraße wurde schon am Nachmittag gesperrt. Jetzt ist sie voll
mit kleinen Ständen, an denen man etwas essen oder trinken kaufen kann. Auch
wir langen zu, bevor wir den Weg an den Strand finden. Überall wimmelt es von
Menschen. An einer Stelle am Strand treffen wir auf eine Gruppe schwarzer
Brasilianer, die in weiße Gewänder gehüllt, eine Zeremonie abhalten. Kerzen
brennen auf dem Sandboden und zu Trommelrhythmen bewegen sich Jung und Alt im
Kreis. Eine Frau schwenkt ein Gefäß über den umherstehenden Menschen, das an
einer Stange festgebunden ist und nebelt diese damit ein.
Einige hundert Meter weiter wurde eine
Bühne mit Großleinwänden aufgebaut. Davor haben sich tausende von Menschen
versammelt und tanzen zu den Sambarhythmen. Auch wir lassen uns nieder und
lassen uns das Bier schmecken. Was haben wir alles Schlimmes in Deutschland
über die Sicherheit in Brasilien gehört? Wir fühlen uns überhaupt nicht
unsicher. Die Menschen um uns herum sind sehr nett und alles ist fröhlich am
Feiern.
Dann endlich ist es soweit. 0:00 Uhr, Feliz Ano Novo
2005! Die
Sektkorken knallen und das Feuerwerk beginnt. Die Abschussplattformen für die
Feuerwerkskörper stehen im Wasser vor der Küste. In der Ferne sieht man das
Feuerwerk an der Copacabana. Es entwickelt sich ein regelrechter Wettkampf um
das längste und schönste Feuerwerk. Niteroi gewinnt am Ende um 0:33 mit drei Minuten
Vorsprung...
Das neue Jahr gehen wir ruhig an. Nach
dem Frühstück durchstreifen wir die Gegend am Fährableger. Die Geschäfte sind
geschlossen, so dass wir beschließen ein Hähnchen zu kaufen und dieses im Hotelzimmer zu vertilgen. Auf
unserem Balkon gibt es eine riesige Schweinerei durch das Fett, das aus der
durchgeweichten Tüte ausläuft. Nach dem Essen verbringen wir auch den
Nachmittag im Hotel und ruhen uns aus.
Am nächsten Tag steht unsere Abreise
bevor. Wir bringen unser Gepäck zum Flughafen und geben es dort bei der
Gepäckaufbewahrung ab. Danach lassen wir uns mit einem Taxi zum Fuße des Corcovado bringen. Der Andrang dort ist gewaltig.
Auf dem Ticket bekommt man gleich in gedruckter Form mitgeteilt, wann man am
Zug einchecken darf. Wir sind erst in zwei Stunden dabei. So überbrücken wir
die Zeit und beobachten die Leute in einem Park vor der Talstation.
Endlich ist es soweit und es geht mit der
Zahnradbahn hinauf zur Jesusstatur, die ihre Arme weithin sichtbar über Rio
ausstreckt. Die letzten Meter hinauf kann man sogar eine Rolltreppe benutzen.
Von oben hat man einen wunderschönen Blick über die Stadt und den Zuckerhut,
sofern es die Menschenmassen zulassen. Wir entdecken in einer Bucht das Gestell
des 58 Meter hohen Weihnachtsbaumes, der dieses Jahr der höchste der Welt sein
soll. Mit seiner Plattform ist er mobil und deshalb kann er vor die
verschiedenen Küstenabschnitte gezogen werden.
Am Nachmittag wollen wir in der
Innenstadt noch etwas Essen. Die Stadt ist jedoch wegen des Sonntags wie
ausgestorben. Nach längerem Suchen finden wir ein geöffnetes Eckcafe. Als wir
dort sitzen, kommt ein kleiner Junge auf uns zu und bettelt uns um Essen an.
Der Besitzer gibt einem Mann zu verstehen, dass er nicht aufgepasst habe und
den Jungen hinausbefördern soll. Dieses macht er dann auch. Auf dem Rückweg
sehen wir überall die Prostituierten stehen und Menschen, die sich auf dem
Fußweg ihr Nachtlager zurechtmachen. Es riecht in allen Ecken nach Urin. Fast
hätten wir schon die andere Seite dieser Großstadt vergessen. Mit dem Taxi
lassen wir uns zurück zum Flughafen fahren. Gegen 22:00 Uhr verlassen wir
Brasilien mit der TAM in Richtung Buenos Aires.
Patagonien
und seine Einwohner
Buenos Dias, Argentina! Kurz nach Mitternacht erreichen wir den internationalen
Flughafen von Ezeiza. Nach der
Passkontrolle erreicht uns eine Hiobsbotschaft: Wir bekommen unser Gepäck nicht
ausgehändigt, weil sich eine Ladeluke des Flugzeuges nicht öffnen lässt.
Morgens um 1:00 Uhr spielen sich wahre Dramen am Schalter der TAM ab. Doch
alles Jammern und Schreien nützt nichts. Die Angestellte der TAM nimmt unsere
Daten auf und erklärt uns und den anderen Wartenden, dass uns unser Gepäck
nachgeschickt wird. Danach verlassen wir den Gepäckbereich, da wir unter
Zeitdruck stehen und unseren nächsten Flug vom 35 Km entfernten nationalen
Flughafen Aeroparque erreichen
müssen. Wieder müssen wir erst einmal Geld tauschen und wiederum ist der Kurs
außerhalb der Abfertigungshalle wesentlich besser. So tausche ich nochmals
1.000 US$, dieses Mal in argentinische Pesos. 100 US$ hatte ich aber, wegen der
Ungewissheit mit dem Gepäck und der frühen Stunde, bereits in der Halle
getauscht. Die Fahrt am frühen Morgen um 3:00 Uhr geht mit dem Taxi über leere
Stadtautobahnen recht zügig voran.
Im Aeroparque holen wir uns die Tickets für den Weiterflug mit der
Aerolinas Argentinas und klären am
Schalter der Southern Winds die noch per e-Mail zuhause eingegangen Änderungen
ab.
Wir betreten
den Abflugterminal und lassen uns auf den Bänken vor unserem Gate nieder. Wir
verpassen fast den Aufruf zum Einchecken, da wir immer wieder Einnicken. Gegen
7:00 Uhr steigen wir die Gangway zum Flugzeug hinauf und zwei Stunden später
landen wir in der patagonischen Steppe, auf dem Flughafen von Trelew. Vor der Ankunftshalle erwartet uns eine Frau von
der Autovermietung Localiza. Nachdem vor
uns noch ein anderes Ehepaar ihren Wagen erhalten hat, bekommen wir den
unseren. Es handelt sich um einen Fiat Palio, der die
nächsten vier Tage unser fahrbarer Untersatz sein soll. Auf dem Parkplatz
erledigen wir die Formalitäten und danach fahren wir nach Trelew, wo wir auf dem Busbahnhof vorsichtshalber schon
zwei Tickets für die spätere Weiterfahrt über Nacht nach Esquel kaufen. In der
Innenstadt beziehen wir ein Hotelzimmer im Rayentray. Nach der durchgemachten Nacht ruhen wir uns erst
einmal aus.
Am Nachmittag
fühlen wir uns wieder fitt genug und besuchen zwei Museen. In dem einen sind
alte Gegenstände der walisischen Einwanderer zu sehen, in dem zweiten sind
Dinosaurier ausgestellt, die in der Gegend gefunden worden sind. Das Highlight
ist ein echtes, und bisher wohl einmalig gefundenes, riesiges Dinosaurierei. In
der Stadt kaufen wir in einem Musikladen eine CD von Mana, damit die Autofahrt
nach Valdez nicht so langweilig wird. Den Abend lassen wir in einer Pizzeria
mit angegliederter Eisdiele ausklingen.
Mit dem Mann
an der Rezeption besprechen wir am nächsten Morgen unsere missliche Lage, dass
unser Gepäck immer noch nicht angekommen ist. Er ruft die Fluggesellschaft an
und nach mehrmaligem Versuch bekommt er auch jemanden an die Strippe. Man
erzählt ihm, dass die TAM die Strecke nicht fliegt, weshalb das Gepäck mit der
Aerolinas Argentinas befördert wird. Er kennt dort jemanden und er wird dafür
sorgen, dass das Gepäck bis ins Hotel gebracht werden wird. Was bleibt uns
anderes übrig, als ihm zu vertrauen. Da wir heute auf die Halbinsel Valdez
weiterfahren, müssen wir uns dazu entschließen, eine Übernachtung in Puerto
Madryn aufzugeben und auf dem Rückweg wieder im Hotel vorbeizuschauen.
Nach dem
Frühstück fahren wir los. Es hat auch seine Vorteile ohne Gepäck. Man kann ohne
zu packen schnell losfahren! Für die morgendliche Toilette steht uns nur die
Dusche, sowie ein Not-Set der TAM, bestehend aus einem Kamm und einer
Mini-Zahnbürste, zur Verfügung, das bei der Anreise im Flugzeug nach Sao Paulo
verteilt wurde und das wir nicht im Rucksack verstaut hatten.
Die Straßen
hier in Patagonien sind sehr langweilig. Sie führen hunderte von Kilometern
geradeaus, nur durch kleine Höhenunterschiede ändert sich manchmal die
Sichtweise. Bei Puerto Madryn verlassen wir die geteerte Straße und bewegen uns
nun an der Küste auf Schotterpisten weiter. Durch die kleinen Steine auf der
Straße kommt es einem bei über 80 Km/h vor, als ob man auf Schmierseife fahren
würde. Gefährlich wird es bei Gegenverkehr, da hochgeschleuderte Steine die
Windschutzscheibe zerdeppern könnten.
Wir entdecken
an der Küste einen Aussichtsturm und biegen dorthin in den Weg ein. Wir treffen
einen Ranger, der dort
gerade eine kleine Hütte wieder fitt macht. Er gibt uns einen Prospekt, in dem
einzelne Wale beschrieben werden. Von hier aus hat man einen wunderschönen
Blick auf die Bucht unter uns. Leider sind die Giganten der Meere schon vor
zwei Monaten Richtung Antarktis weitergezogen, so dass es keine Möglichkeit
gibt, sie zu beobachten.
Nach einer
Stunde finden wir auf die geteerte Straße nach Valdez zurück. Auf der Landenge
vor der Halbinsel steht eine Kontrollstation. Hier muss man seinen Obolus
entrichten und danach darf man alle öffentlichen Einrichtungen auf der
Halbinsel frei benutzen. Valdez ist ein Naturparadies. Schon bei der Anfahrt
können wir Nandus beobachten. Die Halbinsel wird zwar wirtschaftlich genutzt
und ist deshalb in Estancias unterteilt, aber auf dem gesamten Gebiet gibt es
nur einen Ort mit fünf Spitzbuben und einer Tankstelle, Puerto Piramide. Von
dort aus werden auch Wale-Watching Touren angeboten.
Etwa 30 Km
hinter der Kontrollstation erreichen wir ein Museum, indem Funde von der Insel
ausgestellt werden. Wir fahren von dort nach Puerto Piramide und essen etwas
spät, aber lecker, zu Mittag. Es gibt gegrillten Fisch und zum Nachtisch Flan
de Caramelo. Hier endet auch die einzige Teerstraße auf Valdez. Wir lassen den
Tank voll füllen und machen uns auf nach Punta Delgada.
Vorbei an
einem Salzsee, der mit 35 Metern unter dem Meeresspiegel den tiefsten Punkt
Argentiniens, wenn nicht gar den tiefsten Punkt Südamerikas, markieren soll,
geht es über die staubige Piste bis zur Südostspitze von Valdez. Auf dem Weg
dorthin begegnen uns Vicunas, die wilden Vorfahren der Lamas. Eines erschreckt
sich dabei so sehr, als auch noch ein Auto von vorne kommt, dass es beim Sprung
über einen Zaun sich fast die Haxen bricht.
Punta Delgada
besteht aus mehreren Gebäuden und einem Leuchtturm. Die Übernachtungen in
dieser Einsamkeit sind trotz des hohen Preises sehr beliebt. Ich hatte
vorsichtshalber das Hotel aus Deutschland vorgebucht. Am Abend kann man hier
einem Assadoessen, der besonderen, patagonischen Art, beiwohnen. Dazu werden
Schafe der Länge nach aufgebrochen und diese ganzen Körper vor einem großem
Holzfeuer aufgespannt und gegrillt.
Wir zogen es
jedoch am Abend vor, die Steilküste zu besuchen und die Attraktion dieser
Gegend, ihren Bewohnern, einen Besuch abzustatten. Man sieht sie bereits von
oben am Strand liegen: Seeelefanten. Wir steigen die Wand hinunter und können
uns bis auf einige 10 Meter den gewaltigen Tieren nähern. Als Markierungen, die
nicht überschritten werden sollten, dienen Holzpflöcke im Strand. Wir sind
alleine bei den Tieren und genießen den Augenblick, sie in aller Ruhe beobachten
zu können. Die Seeelefanten nehmen kaum Notiz von uns. Ihre Laute klingen, als
ob jemand laut rülpsen würde.
Da die Sonne
jeden Moment untergehen wird, verlassen wir den Strand und steigen wieder
hinauf. Wir verbringen eine erholsame, ruhige Nacht in einem Zimmer ohne
Fernseher. Wäre auch sinnlos, da der Strom vom Generator sowieso in der Nacht
abgestellt wird. Kein Mensch und kein Auto im Umkreis von 150 Km stören unseren
Schlaf. Wo gibt es das heute noch?
Am Morgen
fahren wir auf der Küstenstraße zum Punta Norte weiter. Zwischendurch schauen
wir uns eine Kolonie Magellanpinguine an. Am Punta Norte leben Seelöwen. Wieder
von einer Steilküste geschützt, leben diese Bewohner ganz über den Strand
verteilt. In einigen Gruppen kommt es zu Kämpfen zwischen den Männchen. So ist
der eine auch mit einer blutenden Wunde am Kopf sehr erregt am Agieren. Wir
verstehen den Sinn nicht ganz, da der Strand doch so weitläufig ist.
Wahrscheinlich geht es mal wieder um die Weibchen...
Wir verlassen
den Aussichtspunkt und sehen auf dem Parkplatz ein Gürteltier zwischen den
Menschen herumlaufen. Es löscht seinen Durst an einer Pfütze hinter den Autos.
Dieses Tier sieht aus, als ob es von einem Computerfreak in Szene gesetzt
wurde. Mit seinem dreieckigen Kopf würde es auch gut in einen Science-Fiction
Film mitspielen können.
Wir treten die
Rückreise an und verlassen Punta Norte in Richtung der Kontrollstation, vorbei
an Vicunas, Nandus, Rindern und kleinen Füchsen. Die Gegend ist einsam. Etwa
alle 30 Km steht ein Sendemast mit einem Telefon, falls man Hilfe aus der
Zivilisation benötigen sollte.
Bevor wir
wieder nach Trelew zurückkehren, machen wir noch einen Abstecher in die
walisische Siedlung Gaiman. In einem grünen Tal gelegen, kann man dort nett Tee
trinken. Dieses nehmen wir auch gerne an. In einem Teehaus walisischem Stils
lassen wir uns zusätzlich mit Kuchen verwöhnen. Es gibt unter anderem einen
dicken Butterkuchen, wobei die Betonung auf Butter liegt.
Am Abend
erreichen wir wieder Trelew. Und siehe da, der Mann hinter der Rezeption
zaubert unsere Rucksäcke hervor. Endlich frische Sachen anziehen. Nach drei
Tagen finde sogar ich das gut.
Den nächsten
Tag nutzen wir für einen Ausflug in Richtung Süden. Das Ziel ist Punta Tombo,
die größte Pinguinkolonie außerhalb der Antarktis. Die Anfahrt führt wieder
über Schotterstraßen zu der Bucht. Überall in den Hängen haben die Pinguine
ihre Behausungen gegraben. Hunderte, wenn nicht gar Tausende, stehen oder
watscheln durch die Gegend. Einer von ihnen lässt sich sogar von Ina streicheln.
Die Jungen sind mit einem flauschigen Fell überzogen. Vicunas laufen durch die
Kolonie.
Auf dem
Rückweg fahren wir an die Küste nach Rawson und weiter nach Villa Union. Hier
machen die Argentinier dieser Region Urlaub. Der Sand ist dunkel, die Strände
nicht überlaufen. Wir genehmigen uns ein leckeres Eis, bevor wir nach Trelew
zurückkehren und den Wagen abgeben. Am späten Abend besteigen wir den Nachtbus
nach Esquel. Im Bus wird uns ein Snack gereicht, bevor wir die Sitze in die
Horizontale bringen und einschlafen.
Die
Schokoladenseite Argentiniens
Am Morgen wird
es gerade hell, als wir den Terminal in Esquel erreichen. Die Gegend hat sich
650 Km weiter total geändert. Die flache, patagonische Steppe ist einer
bergigen Landschaft gewichen. Jenseits der Anden liegt bereits Chile. Wir
lassen uns mit dem Taxi zum Bahnhof von Esquel bringen. Leider sind wir viel zu
früh, um die Attraktion zu bewundern: La Trochita ist eine Schmalspurbahn auf
der früher Güter bis ins über 1.300 Km entfernte Buenos Aires befördert wurden.
Heute fährt die ehemalige Dampflok nur noch 20 Km für die Touristen und einmal
im Jahr bis El Maiten. Wir ziehen es vor, im Imbiss der Tankstelle zu warten,
bis das Tourismusbüro öffnet.
Im
Tourismusbüro erfahren wir, dass der Zug in einer Stunde abfährt. Die
Angestellte ist schwer enttäuscht, dass wir nach der Zugfahrt gleich
weiterfahren wollen und nicht in Esquel übernachten werden. Aber unsere
Reiseplanung sieht das nicht vor.
Der
Bahnhofsvorsteher stellt uns die Tickets aus und sagt uns, dass wir die
Rucksäcke in einem Nebenraum abstellen können. Langsam wird es auf dem
Bahnsteig voller. Der Zug wird zusammengestellt und dann fährt er vor.
Die Sitzplätze
in den Waggons sind sehr knapp bemessen. Wir zwängen uns mit einem anderen Ehepaar
in unsere Sitze und dann geht es mit atemberaubender Geschwindigkeit von
maximal 60 Km/h in die Berge. Immer dort, wo wir die Straße überqueren müssen
oder ihr folgen, bilden sich Menschentrauben, die den Zug fotografieren wollen
und uns zuwinken.
Nach fast
einer Stunde erreichen wir das Gleisdreieck in den Bergen. Hier stehen einige
Häuser der Mapuche-Indianer, die die Ankunft des Zuges schon erwartet haben, um
ihre handgemachten Sachen an den Mann zubringen. Auch Pferdereiten oder Tiere
streicheln wird uns angeboten. Ina nutzt die Gelegenheit, um einige
mitgebrachten Sachen aus Deutschland zu verschenken. Die Kinder freut es. Nach
einer dreiviertel Stunde geht es zurück. Im Zug unterhalten uns eine Mapuche
Sängerin, begleitet von einem Gitarrespieler. Sie kann gut singen. Ich
entschließe mich, ihr eine CD abzukaufen.
In Esquel
erreichen wir noch rechtzeitig einen Bus, der uns nach El Bolson mitnimmt. Dort
durchstreifen wir die Hauptstraße, nachdem wir ein Hotelzimmer bezogen haben.
Es gibt viele Restaurants und Eisdielen. Das Eis schmeckt köstlich. El Bolson
ist als Aussteigernest bekannt. Aber auf mich macht es eher einen normalen
Eindruck. Vor einigen Jahren soll es hier Erkrankungen am Hanta-Virus gegeben
haben.
Am nächsten
Morgen fahren wir nach Bariloche weiter. Die Berge werden immer höher, die
ihrerseits von dunkelblauen Seen umspült werden. Bariloche ist, in dieser
Gegend, der Touristenort schlechthin. Geprägt von deutschen - und schweizer
Einwanderern, macht die Stadt einen gepflegten Eindruck auf uns. Eine
Attraktion auf dem Hauptplatz ist es, sich mit Bernadienerhunden fotografieren
zu lassen. Die Hauptstraße ist mit Schokoladenläden übersäht. Ein, für
argentinische Verhältnisse, außergewöhnliches Angebot bieten die Restaurants
an. Es reicht von Knödel über Sauerkraut bis hin zu Spätzle. Wir bleiben drei
Tage hier, da es zum ersten Mal Zeit wird, unsere Sachen waschen zu lassen. Im
Hotel buchen wir eine Tour in die Umgebung von Bariloche.
Am anderen
Morgen kommt eine Frau im Hotel auf uns zu und spricht uns auf deutsch an. Sie
ist die Tourführerin und holt uns ab. Mit einem Kleinbus geht es noch zu
anderen Hotels und dann fahren wir zur Insel Llao Llao. Auf dem Hinweg besuchen
wir einen Betrieb, der Hagebuttenöl herstellt. Unsere Tourleiterin ist ein
lustiger Vogel. Da auch andere Gruppen unterwegs sind, gibt sie uns einen
Schlachtruf mit auf den Weg: Immer wenn sie „Juppie“ ruft, wissen wir, dass es
weitergeht. Sie erklärt uns, dass der Name Llao Llao von einem Pilz kommt. Er
soll süßlich schmecken und ist ein Parasit. Argentinische Männer sollen ihre
Frauen wohl so ansprechen...
Auf der Insel
steht ein Hotel, das als das am schönsten gelegene Hotel Argentiniens
bezeichnet wird. Wir können das bestätigen. Im Grünen gelegen, umgeben von
blauen Seen und hohen Bergen, erinnert es stark an eine schweizer Gegend. An
einem höhergelegenen Ausblick auf das Hotel werden uns Würstchen vom Grill und
Himbeerwein offeriert. Sehr lecker, aber wir können leider nichts
transportieren. Der Verkäufer meint, man könne eine Flasche auch an einem Abend
austrinken...
Auf dem
Rückweg fahren wir mit einer Seilbahn auf einen Berg mit Ausflugslokal. Von
dort lässt sich die Gegend besonders gut betrachten. Außerdem gibt es einen
leckeren Erdbeerkuchen, wie selbst die Tourleiterin bestätigt. Ein älteres
Pärchen aus unserer Gruppe, aus Costa Rica ,vergisst beim Hinunterfahren im
Lokal seine Fotokamera. Nachdem die Kamera geholt wurde, geht es zurück nach
Bariloche.
Am Abend holen
wir unsere Wäsche ab. Außerdem besuchen wir das Büro der Southern Winds, um uns
nochmals bestätigen zu lassen, dass wir auch wirklich in San Martin de los
Andes abgeholt werden, da der Flug ja von San Martin nach Bariloche verlegt
worden ist. Wir seien nicht die einzigen und man wird uns im Bärenhaus in San
Martin anrufen, wann wir abgeholt werden. Na gut, mehr kann man nicht
verlangen. Wir gehen nochmals zur Wäscherei, da wir beim Durchsehen einen
Strumpf zu viel gefunden haben. Wäre doch schade für den anderen! Nach dem
Abendessen bleiben wir noch bei einer Gruppe stehen, die auf dem Fußweg mit
sechs Leuten Reggaemusik spielt. Alles hätte ich erwartet, aber Reggae in
Argentinien? Und die Jungs sind gut. Ich kaufe ihnen eine CD ab.
Am nächsten
Morgen lassen wir uns mit dem Taxi zur Autovermietung von Localiza bringen, bei
denen wir vor zwei Tagen ein Auto für heute reserviert haben. Ganz im Gegenteil
zu Trelew ist hier nichts vorbereitet worden. Der Wagen muss erst noch
vollgetankt werden und es ist auch ein anderer als vereinbart. So können wir
erst nach einer halben Stunde mit unserem Gol vom Hof fahren.
Am Ausgang von
Bariloche müssen wir eine Polizeikontrolle durchfahren. Dahinter stehen zwei
junge Menschen, die gerne mitgenommen werden wollen. Ich halte an und nachdem
Ina sich wieder abgeregt hat und die Sachen umgelagert worden sind, fahren wir
zu viert weiter. Wie sich herausstellt, ist das Mädchen aus Kalifornien und
studiert zur Zeit in Chile. Der Junge ist Chilene und gehört der
Scientologie-Sekte an. Beide hatten sich einen Trip nach Argentinien gegönnt
und sind jetzt auf dem Rückweg. Wir reden über Gott und die Welt und nehmen sie
bis Villa La Angostura mit. Von dort können sie nach Chile weiterreisen und wir
folgen der Sieben-Seen-Route weiter bis nach San Martin.
In
Wirklichkeit sind es mehr als sieben Seen. Die Gegend ist wunderschön. Die
Straße ist mal wieder über weite Strecke nicht asphaltiert. Überall trifft man
auf einheimische Touristen, die mit Fahrrädern oder auch zu Fuß unterwegs sind.
Es gibt hier viele Möglichkeiten zum Zelten. Am Nachmittag erreichen wir San
Martin. Wir geben den Wagen ab und ärgern uns über eine zusätzliche Zahlung für
Reinigung des selbigen. Mit der Einwegmiete haben wir für diesen einen Tag fast
halb soviel bezahlt, wie für die vier Tage in Trelew. Wie wir später erfahren,
ist es jetzt, nach der Entwertung des Pesos, üblich in Argentinien, aus
Kleinigkeiten Geld zu machen.
Mit einem Taxi
lassen wir uns zum Bärenhaus bringen. Das Bärenhaus gehört Martin und Veronica.
Er ist Deutscher und aus Liebe hier hängen geblieben. Martin macht im Keller
sein eigenes Bier. Sein junger Gehilfe tischt uns am Abend so einige auf. Wir
kommen ins Gespräch und erfahren, dass das hier häufig gebrauchte Wort
„Maquina“ eigentlich Maschine bedeutet. Aber man benutzt es auch als Bezeichnung
für eine hübsche Frau.
Am nächstem
Morgen geht es schon wieder weiter, aber wir werden ja in drei Tagen
wiederkommen. Mit dem Taxi lassen wir uns über die Grenze über den Hua-Hum Pass
nach Puerto Pirihueico in Chile bringen. Das klappt auch noch sehr gut, aber
nun beginnt eine nicht vorhersehbare Odyssee. Die Grenze ist mehr oder weniger
nur ein Schlagbaum. D.h., wir können hier oben kein Geld tauschen und nun
stehen wir mitten in der Walachei, ohne einen chilenischen Pesos in der Tasche.
Puerto Pirihueico besteht aus fünf Häusern und einem kleinen Kiosk. Der Ort ist
eigentlich eine Enklave, auf der einen Seite durch die argentinische Grenze
abgeschnitten, auf der anderen Seite durch einen See vom eigentlichen Chile
abgetrennt. Aber die Frau, die den Kiosk für uns geöffnet hat, ist nicht
gewillt, argentinische Pesos anzunehmen. Auch mit Dollar lässt sie sich nicht
locken. Zu allem Übel soll die Fähre erst nach 15:00 Uhr und nicht, wie in San
Martin angenommen, um 13:00 Uhr ankommen. Also heißt es Warten. Zu allem
Überfluss greifen uns ständig Fliegen in der Größe einer Hummel an. Nach einer
Weile gebe ich den Kampf auf. Nur wenn die Viecher zu aufdringlich werden,
schlage ich doch wieder zu, um sie mir vom Leibe zu halten.
Irgendwann
hört man ein Grummeln und die Fähre kommt hinter einem Berg zum Vorschein. Nach
dem Anlegen werden die Autos von der Fähre gefahren und sofort wird mit dem
Beladen begonnen. Wir retten uns in die Kabine über dem Deck vor den Fliegen.
Die Fähre legt ab und nach einer Stunde kommt jemand zum Kassieren auf uns zu.
Wir machen ihm klar, dass wir keine chilenischen Pesos haben. Er tippt einen
Wert in einen Taschenrechner, der aber, auch als Betrag in argentinischer
Währung, keinen Sinn ergibt. Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich nicht gewillt
bin, diesen Preis zu zahlen, der umgerechnet etwa bei 75 Euro liegt. Als er
merkt, dass er mit seiner Masche nicht weiterkommt, ändert er den Preis in 20,
was etwa 4 Euro entspricht. Damit bin ich einverstanden und er geht weiter
kassieren. Nur gut, dass man in der Schule Kopfrechnen lernen musste!
Nach einer
weiteren halben Stunde erreichen wir die Anlegestelle in Puerto Fuy. Auch hier
stehen nicht mehr als 20 Häuser. Wieder gibt es keine Möglichkeit Geld zu
tauschen und vor allem keine Möglichkeit weiterzukommen, da der Bus für heute
wohl schon gefahren ist. Und Nun? Ich frage einen Mann, der zu einer
Reisegruppe gehört, die mit auf dem Schiff war, ob er wisse, wann der nächste
Bus fährt. Er geht für mich bei den Dorfbewohnern fragen, da ich des Spanischen
nicht mächtig bin. Kopfschüttelnd kommt er zurück und sagt mir, dass es heute
keinen weiteren Bus geben würde, aber ich solle warten. Wie sich herausstellt
ist er der Reiseleiter der Gruppe, die aus Santiago kommen und mit dem Bus, der
auf der Fähre war, unterwegs sind. Er fragt bei seiner Truppe im Bus nach, ob
sie etwas dagegen haben, wenn sie uns mitnehmen würden. Die Leute verneinen und
so bekommen wir eine Mitfahrgelegenheit für die nächsten 200 Km, und das auch
noch umsonst. Wir lassen dann allerdings etwas argentinisches Geld im Bus
zurück. Nicht das es noch heißt: Die armen Deutschen...
An einer Ecke,
wo der Bus nach Valdivia abbiegen muss, lässt uns der Reiseleiter raus und
sagt, dass wir den nächsten Bus von der anderen Ecke nach Pucon nehmen müssen.
Wir bedanken uns nochmals und winken den anderen zu.
An der
Haltestelle gibt es einen Kiosk, wo ich nochmals versuche eine Wechselstube
oder eine Bank in diesem Ort zu finden. Die Frau im Kiosk sagt, dass es schon
zu spät sei und die Banken schon geschlossen hätten. Ich solle es in dem Hotel
auf der anderen Straßenseite versuchen. Aber auch dort habe ich keinen Erfolg.
Als ich ihr das erzähle, kommen wir ins Gespräch und sie sagt mir, dass ihr
Mann deutsche Vorfahren hat. Irgendwann hat sie wohl Mitleid mit mir und sie
tauscht mir fünf Dollar in chilenische Pesos, die sie am nächsten Tag in der
Bank zurücktauschen will.
Im Bus
erfahren wir, dass auch dieser nicht nach Pucon fährt und das wir im nächsten
Ort aussteigen sollen, um den richtigen Bus in einem anderen Terminal nehmen zu
können. Als wir dann aussteigen und losgehen wollen, mahnt man uns zu warten.
Eine junge Frau mit ihrem alten Vater aus dem Bus werden von ihrem Bruder mit
dem Pick-Up abgeholt. Man zeigt auf die Ladefläche und wir sollen aufsteigen.
Wir werden zum Terminal gefahren. Die Frau kommt noch mit in den Terminal und
gibt der Frau am Schalter zu verstehen, dass wir nach Pucon wollen. Ich bedanke
mich bei ihr und erfahre im Vorbeigehen, dass sie drei Monate in Hamburg gewesen
ist. Sie verlässt den Terminal schnell, da die anderen auf sie warten.
Die Fahrt mit
dem Pick-Up ist zwar umsonst gewesen, aber der letzte Bus hat fast unser ganzes
chilenisches Geld gekostet. Nun stehen wir also wieder ohne Geld da und die
Frau am Schalter lässt sich auch nicht erweichen. Gott sei Dank sehe ich das
Visacard-Zeichen am Fenster kleben. So bucht sie die stolze Summe von
umgerechnet 3,54 Euro ab und wir dürfen weiterfahren. Da der Bus noch nicht
angekommen ist, nutze ich die Zeit für den Kauf eines Sandwichs und ein
Telefonat nach Pucon, damit Gabriela und Andreas Bescheid wissen, das wir,
trotz der fortgeschrittenen Stunde, noch kommen werden.
Der Bus ist
propenvoll. Die Menschen im Bus sehen erschöpft aus. Sie müssen schon lange
unterwegs sein. Andauernd wird die Toilette benutzt, was sich geruchlich im Bus
bemerkbar macht. Der Beifahrer sorgt mit einer Spraydose für kurzzeitigen
Wohlgeruch.
Gegen 23:00
Uhr erreichen wir Pucon. Wir gehen zum Taxistand und der Taxifahrer fragt sich
erst einmal durch, wo das Landhaus überhaupt liegt. Als die Lage klar ist kann
es losgehen und nach 20 Km Fahrt stehen wir wieder vor Andreas und Gabrielas
Landhaus, das wir vier Jahre zuvor schon einmal besucht hatten. Jetzt muss
Andreas nur noch das Taxi bezahlen, denn Geld haben wir ja nicht.
Es ist schon
merkwürdig, wie das Leben so spielt. Den ganzen Tag sind wir ohne Geld quer
durch ein fremdes Land gefahren und das ging nur, mit der Hilfsbereitschaft
anderer Menschen.
Andreas gibt
noch ein Bier aus und dann möchten wir, nach diesem Tag, doch erst einmal
schlafen gehen. Auf dem Weg zum Zimmer blicken wir in einen mit Sternen
übersäten Himmel.
Am Morgen
entschädigt ein reichhaltiges Frühstück für die strapaziöse Anreise. Es sind
Deutsche und sogar Koreaner beim Frühstück. Auch Andreas Eltern und Gabrielas
Mutter sind aus Deutschland angereist und helfen beim täglichen Trubel. Wir
fahren nach Pucon und sind erstaunt, wie diese Stadt aus allen Nähten platzt.
War Pucon vor vier Jahren noch ein relativ verschlafenes Nest, so ist die Stadt
heute überlaufen mit Touristen. Wir können endlich Geld tauschen und kaufen
schon einmal Wasser ein, denn morgen kommen wir zu dem eigentlichen Grund für
diesen Abstecher nach Chile: Der Besteigung des Vulkans Villarica. Andreas hat bereits
telefonisch bei einer Agentur, mit der er zusammenarbeitet, eine Reservierung
für uns gemacht. Vor vier Jahren ist die Besteigung an dem schlechten Wetter
gescheitert. In der Zwischenzeit bin ich durch meinen Motorradunfall leider
etwas eingeschränkt. Doch der Gedanke, diese Besteigung noch einmal anzugehen,
hat mir bei der Genesung stets geholfen und ein Erfolg wäre eine Bestätigung
für mich, dass die Knochen noch belastbar sind. Bevor wir zum Landhaus
zurückkehren, müssen wir noch eine Rückfahrgelegenheit nach San Martin suchen.
Leider erfahren wir, dass die Busse für die nächsten vier Tage schon ausgebucht
sind. Jetzt müssen wir wohl tief in die Tasche greifen, um mit einem Taxi nach
San Martin zurückzufahren. Eine Terminverschiebung kommt nicht in Frage, da
unser Flug nach Cordoba in drei Tagen geht. Gott sei Dank springen am
Nachmittag noch Leute ab, so dass wir doch eine Rückfahrgelegenheit bekommen
können. Typisch Südamerika!
Am nächsten
Morgen hat Gabriela ein Lunchpaket für uns gemacht und im Frühstücksraum
deponiert. Wir frühstücken in Ruhe und gehen anschließend mit dem Lunchpaket
zum Eingangstor, wo wir abgeholt werden sollen. Doch auch nach Ablauf der
ausgemachten Zeit, ist kein Auto in Sicht. Ina geht zum Haus und spricht mit
einer Angestellten, die bereits angefangen hat, in der Küche das Frühstück für
die Gäste vorzubereiten. Diese wiederum spricht mit Gabriela und erzählt ihr,
dass wir immer noch am Tor stehen. Etwas später erzählt sie uns, dass Gabriela
bei der Agentur angerufen hat und das man uns vergessen hat. Sie sind aber
schon unterwegs. Ich schmunzele nur noch und denke mal wieder, typisch
Südamerika.
Nach 10 Minuten hält ein Kleinbus vor uns und im
rasanten Tempo geht es nach Pucon. Dort müssen wir erst noch die Ausrüstung
anprobieren, Sonnenbrille und Eispickel in den Rucksack packen, bevor es mit
unserem schweizer Bergführer in den Nationalpark Villarica hinauf geht. Der
Vulkan darf nur mit geschultem Personal bestiegen werden. Als die Formalitäten
in der Parkhütte erledigt sind, geht es mit dem Wagen noch bis zu einer
Seilbahnstation in 1.500 Metern Höhe hinauf. Es weht ein eisiger Wind und der
Bergsteiger fragt uns, ob wir wirklich hinauf wollen, da das Wetter noch
schlechter werden soll. Für uns gibt es aber keinen anderen Termin mehr. Ich
möchte es versuchen, sonst ärgere ich mich mein Leben lang darüber, dass ich es
nicht versucht habe. Also lösen wir die Tickets für die Seilbahn und ziehen
unsere Handschuhe an uns setzen die Sonnenbrille auf.
Die Seilbahn
befördert uns bis an die Schneegrenze auf 1.800 Meter Höhe. Dort treffen wir
auf unsere Gruppe. Ein anderer Bergführer erklärt der Gruppe erst einmal, wie
man am Berg aufwärts geht und wie man dabei den Eispickel einsetzen muss.
Danach geht es im Gänsemarsch los. Es wird schräg am Berg hinaufgegangen und in
der dem Berg zugewandten Seite, kommt der Eispickel zum Einsatz. Nach den
ersten Minuten sage ich mir, dass ich Flachlandtiroler hier wohl doch fehl am
Platze bin. Aber der Gruppenzwang treibt mich weiter hinauf.
Nach einer
dreiviertel Stunde gibt es eine erste Rast. Wir sollen etwas trinken, zum Essen
sei keine Zeit. Es geht weiter und nach einer weiteren Stunde machen wir die
zweite Rast. Hier zieht es mächtig. Eine Israelin entscheidet sich zur
Rückkehr. Ihr Freund geht aber weiter. Auch wir wollen weiter, da es sehr kalt
ist.
Jetzt steigen
wir in eine Schneewand ein. Das Wetter hat sich zugezogen. Beim Umsetzen des
Pickels muss man aufpassen, nicht aus der Spur gefegt zu werden. Ich sehe nur
noch weiß. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Schnee und Wolken. Nach 1 ½
Stunden in der Wand fragt uns der Bergführer erneut, ob wir wirklich noch
weiter wollen. Wir zögern immer noch, obwohl meine Schritte immer langsamer
geworden sind und die Luft immer dünner wird. Bis zum Gipfel von 2850 Meter
wäre es noch knapp eine Stunde, also etwa 200 Meter. Als die ersten, aus einer
anderen Gruppe, uns von oben entgegen kommen und uns erzählen, dass man auf dem
Gipfel auch nur drei Meter Sichtweite hat und nicht in den Krater sehen kann,
entschließen wir uns zum Abstieg.
Doch wer
denkt, hinunterzugehen wäre einfacher als hinaufzugehen, der irrt. Durch das
ewige Rutschen, ist man ständig um Standfestigkeit bemüht. Doch es gibt Gott
sei Dank eine Alternative zum Absteigen: Man rutscht einfach auf dem Hintern
herunter. Durch vorherige Gruppen sind bereits Rinnen entstanden, zu der uns
der Bergführer führt. Er erklärt uns, wie man den Eispickel als Bremse benutzt
und dann geht es, mit genügend Abstand zum Vordermann, in die Rinne. Es macht
tierisch Spaß. Am Anfang zeigt der Pickel nur wenig Wirkung, da der Hang zu
steil ist. Aber weiter unten lässt sich das Tempo dann regulieren. Jetzt gibt
es mehrere Rinnen. Jeder versucht nun eine Rinne zu erwischen, die ihn bis nach
unten bringt.
Unten
angekommen müssen wir leider feststellen, dass die Seilbahn ihren Betrieb
eingestellt hat. Na Klasse! Erst kassieren und jetzt dürfen wir die 300 Meter
durch den Schotter auch noch absteigen.
Jetzt
endgültig erschöpft, aber überglücklich, dass wir es gemacht haben, fahren wir
mit dem Kleinbus hinab zur Agentur, wo wir unsere Klamotten abgeben können und
auf den Erfolg anstoßen. Zur Erinnerung gibt es noch ein Diplom.
Wir werden zum
Landhaus zurückgebracht und finden uns relativ fitt. Am Abend macht Gabriela
ein leckeres Essen und wir fallen anschließend tot müde ins Bett. Auch das
Geschrei eines Kindes im Nachbarzimmer, dass uns letzte Nacht genervt hat, kann
uns heute nicht mehr schocken.
Am nächsten
Morgen komme ich kaum aus dem Bett. Alles tut mir weh. Ina geht es nicht viel
anders. Doch wir müssen weiter. Andreas bringt uns nach dem Frühstück nach
Pucon und wir verabschieden uns. Ich flachse, dass wir in vier Jahren
wiederkommen werden.
Unser Gepäck
wird auf dem Dach eines Kleinbusses verzurrt. Dann geht es über den Tromen-Pass
am Vulkan Lanin vorbei, der als schönster Berg der Welt gehandelt wird, zurück
nach San Martin.
Dort
angekommen, gehen wir erst einmal lecker Essen. In einem Garten in einem
kleinen Restaurant lassen wir uns trucha a la Navarra servieren. Die Forelle
wird mit Speck und verschiedenen gebratenen Früchten serviert und schmeckt
köstlich. Anschließend lassen wir uns zum Bärenhaus bringen.
Wir werden
schon von Martin erwartet. Er erzählt uns, dass niemand bisher von der
Fluggesellschaft angerufen hat. Wir wollen noch den nächsten Morgen abwarten,
dann will Martin für uns in Bariloche anrufen. Am Abend lassen wir uns erneut
sein selbstgebrautes Bier schmecken.
Am Morgen
kommt es dann auch zu seinem Anruf. Erst wird er vertröstet und nach Buenos
Aires verwiesen. Dann kommt die Aussage, man hätte uns vergessen und wir sollen
ein Taxi nach Bariloche nehmen. Ich bin skeptisch. Wer bezahlt die 200 Km mit
dem Taxi? Aber was bleibt uns übrig? Also genießen wir noch unser Frühstücksei
und Martin bestellt ein Taxi und erklärt dem Fahrer die Lage, der daraufhin
eine Rechnung für uns in der Zentrale ausstellen lässt.
Über eine
andere Route geht es, durch traumhafte Landschaften mit bizarren
Felsformationen, zurück nach Bariloche. Der Fahrer erzählt uns, dass das eine
Tal einem von und zu aus Deutschland gehört und es als Jagdgebiet genutzt wird.
Am Flughafen
in Bariloche legen wir am Schalter der Southern Winds die Taxirechnung vor. Und
sie wird tatsächlich prompt beglichen. Ich bin erstaunt. Wir essen noch etwas
im Flughafenrestaurant und verlassen dann den Süden Argentiniens.
Keine zwei
Stunden später überfliegen wir den Rio de la Plata und landen im Aeroparque in
Buenos Aires. Da die Fluggesellschaft unseren Weiterflug auf morgen verlegt
hat, sorgen sie für den Transport zum Hotel in der Innenstadt und auch für den
morgendlichen Rücktransport zum Flughafen.
Wir nutzen den
Abend und gehen zum bekannten Teatro Colon. Doch es ist geschlossen. Die Stadt
wirkt schmutzig und alt. In der Fußgängerzone kaufen wir einem kleinen Jungen
Heiligenbilder ab und bieten ihm unseren Kuchen an, den wir bei der Bestellung
dazubekommen haben. Er nimmt ihn gerne mit und isst ihn sofort auf. Hier ist
die Armut offensichtlich. Ich studiere die Preise bei Mac Donald. Ein Hamburger
kostet 1 Pesos. Für eine Postkarte nach Deutschland muss man Briefmarken im
Wert von 4 Pesos draufkleben. Das die nicht alle ankommen, ist mir jetzt klar,
wenn man dafür vier Hamburger bekommen kann!
Unendliche
Weiten
Am Morgen werden wir überpünktlich
abgeholt und zum Aeroparque gebracht. Der Flug nach Cordoba wird nicht einmal
eine Stunde betragen. Dachte ich. Aber wie so oft, sollte es anders kommen.
Nach etwa einer dreiviertel Stunde Flug,
kommt auf einmal Hektik in der Maschine auf. Die Stewardess weißt die Leute in
der ersten Reihe an, sich nach hinten zu setzen. Dann holt sie drei Männer nach
vorne und aus ihren Anweisungen entnehme ich, dass sie ihnen erklärt, wie man
die Tür öffnen kann und wie die Rutsche herausgeht. Die Minen der Menschen in
der Kabine haben sich verändert. Endlich kommt die Stewardess nach hinten und
ich frage sie, was denn los sei. Auf englisch erklärt sie mir, dass ein
Triebwerk ausgefallen sei. Es bestehe aber keine Gefahr, nur im Falle eines
Notfalles müssten sie diese Prozedur durchführen. Na super! Jetzt weiß ich
auch, warum die Maschine auf einmal leiser geworden ist. Ich schaue Ina an. Uns
wird klar, wie hilflos man in so einer Situation ist. Ich beruhige mich, indem
ich mir sage, solange das andere Triebwerk noch läuft, dürften wir doch noch
heile runterkommen. Dieser Flug war von Anfang an verkorkst. Verdient hat die
Gesellschaft an uns auch nichts mehr, nachdem sie die Taxis und das Hotel
bezahlt hat. Und jetzt können wir nur abwarten. Uns wird erklärt, wie wir mit
unseren Armen hinter die Beine fassen sollen und wie wir die Köpfe nach unten
zunehmen haben, sobald die Stewardess das Zeichen dazu gibt. Im Fenster sehe
ich die ersten Straßenzüge der Stadt auftauchen. Jetzt wird es ernst. Doch es
passiert nichts und ehe wir uns versehen, bremst der Pilot die Maschine auf der
Landebahn ab. Die Menschen klatschen erleichtert.
In der
Ankunftshalle gehen wir zum Schalter von Avis. Wir haben einen Ford Ecosport
für die nächsten zwei Wochen gemietet. Nachdem die Formalitäten erledigt sind,
bekommen wir noch eine Einweisung in den Wagen und eine Beschreibung, wie wir
am einfachsten nach Cosquin kommen. So umfahren wir die Innenstadt auf der
Umgehungsstraße und folgen den Schildern Richtung Norden.
Das Autofahren
in Argentinien ist gewöhnungsbedürftig. Jeder fährt, wie er will. Regeln gibt
es nicht. Eine Erlaubnis zum Führen eines Fahrzeuges bekommt man, gegen ein
kleines Entgeld, bei der Polizei, nachdem man bewiesen hat, dass man die
Bedeutung der einzelnen Hebel und Instrumente kennt. Und los geht’s! Martin hat
uns erzählt, dass Argentinien hinter der Türkei den vorletzten Platz in der
Unfallstatistik belegen würde. Angst habe ich bei den Geschwindigkeiten weniger
um uns, als um den Wagen, da jeder Kratzer, später bei der Abgabe des Wagens in Salta, bezahlt werden
muss.
So erreichen
wir nach einer guten Stunde Cosquin. Im Schneckentempo geht es in die Stadt,
die völlig überfüllt ist. In einer Woche findet hier das alljährliche
Folklorefest statt. Aus ganz Argentinien kommen die Sänger und Gruppen und
bleiben ein bis zwei Wochen. Das Spektakel wird sogar eine Woche lang im
Fernsehen übertragen.
Wir haben eine
Unterkunft im Spa-Hotel Paraiso gebucht. Doch leider liegen zwischen dem
Internetauftritt und der Wirklichkeit einige Welten. Wir bestellen trotzdem
eine Massage und lassen uns, jeder eine halbe Stunde lang, durchkneten. Daran
kann man sich gewöhnen.
Am Nachmittag
müssen wir mal wieder Geld tauschen. Zu unserer Verwunderung erzählt man uns in
der Bank, dass nur Einheimische Geld tauschen dürfen. So wird die Rechnung auf
einen Angestellten ausgestellt. Ist mir doch egal, was die mit den Dollars
anschließend machen. Hauptsache ich bekomme meine Pesos.
Eine
Polizisten, die die Bank draußen bewacht, ist neugierig und fragt uns eine
halbe Stunde lang über uns und Deutschland aus. Am Abend durchstreifen wir die
Stadt mit unzähligen anderen Touristen. Schade, dass das Fest erst nächste
Woche so richtig losgeht.
Am nächsten
Tag fahren wir nach Villa General Belgrano. Auf dem Weg kaufen wir einen Käse,
der am Straßenrand massenhaft an den Geschäften hängt. Seine Form ist wie die
einer Kalibasse. Villa General Belgrano
ist von deutschen Einwanderern gegründet worden. Man sagt, dass es auch Marinesoldaten
der Graf Spee gewesen sind, die ihr Schiff damals selber versenkt hatten, weil
sie den Rio de la Plata wegen einer alliierten Blockade nicht mehr verlassen
konnten, die sich hier niedergelassen haben, weil sie in Deutschland sonst vor
ein Kriegsgericht gestellt worden wären. Die Landschaft ist sehr schön. Die
Hauptattraktion ist das alljährliche Oktoberfest.
Leider ist
auch hier alles überlaufen, so dass wir über die Sierra Grande nach Mina
Clavero weiterfahren. Aber auch hier und im ganzen Traslasierra-Tal ist keine
Unterkunft mehr zu bekommen. Damit haben wir nicht gerechnet. Für die
Argentinier ist gerade Urlaubszeit und durch den schlechten Pesokurs ist ihnen
eine Fahrt ins Ausland, so wie früher, fast unmöglich geworden. Wir stellen uns
schon auf eine Nacht im Auto ein, als wir in Villa Dolores doch noch ein Zimmer
für die Nacht, in einem hauptsächlich von Geschäftsleuten genutzten Hotel,
bekommen. Wir sind schon vorher daran vorbeigefahren, aber es sah geschlossen
aus. Jetzt, im zweiten Anlauf, als wir noch ein junges Pärchen mit in die Stadt
nehmen, versichert man uns, dass es geöffnet hat.
Das wir die
Touristenroute verlassen haben, merken wir deutlich am nächsten Tag, als wir
uns auf den Weg nach San Juan machen. Die Straßen sind kerzengerade und endlos.
Es kommen uns kaum Autos entgegen. Am Straßenrand liegen tote Rinder, keinen
kümmert es. Die Gegend wird immer trockener. Orte, die in der Karte
eingezeichnet sind, stellen sich als Holzhütte mit Pepsischild heraus. Mitten
in der Einöde treffen wir auf zwei Trikes aus Buenos Aires, die mit übergroßen
Argentinienflaggen unterwegs sind. Nach über 400 Km erreichen wir endlich San
Juan. In dieser Gegend sehen wir viele Felder, auf denen Wein angebaut wird.
Wir bleiben
nur eine Nacht und fahren weiter nach Vallecito, dem Wallfahrtsort in
Argentinien schlechthin. Gegründet wurde der Ort in der Wüste nach einer
Geschichte der Difunta Correa. Eine Frau, die Difunta Correa, soll ihrem Mann,
der von den Spaniern als Soldat verpflichtet und mitgenommen wurde, in die
Wüste gefolgt sein. Dort fand man sie an diesem Ort verdurstet, mit ihrem Kind
an der Brust. Das Kind lebte. So verkörpert sie die treue Ehefrau und
gleichzeitig die gute Mutter. Jeder, der nach Vallecito kommt, bittet mit einem
Opfer um eine gute Weiterfahrt. Die Mauern der Schreine sind gepflastert mit
Namensschildern. Es werden Opfergaben in Form von Modellbauten, gefüllten
Wasserflaschen, Pokalen, Hochzeitskleidern und anderen persönlichen
Gegenständen dargebracht. Auch ich habe mein Nummernschild von meiner
Unfallmaschine mitgenommen und es dort aufgehängt. Überall im Land sieht man an
gefährlichen Straßenstellen, kleine Schreine, an denen rote Bändchen angebunden
sind und vor denen gefüllte Wasserflaschen stehen, um dem Kult der Difunta
Correa zu huldigen.
Weiter geht es
in Richtung Norden nach San Agustin de Valle Fertil. Von dort hat man einen
nahen Anfahrtsweg zu den Parks Ischigualasto und Talampaya. An einem Flusslauf
verschenkt Ina wieder Lutscher an dort planschende Kinder. In San Agustin
beziehen wir eine Cabana und verbringen den Rest des Tages mit Zeitung lesen
und Eis essen.
Mit
vollgetanktem Auto geht es morgens in die Einöde. Der Park Ischigualasto wartet
mit dem Valle de la Luna, dem Mondtal, auf. Am Parkeingang entrichtet man
seinen Obolus und dann geht es im Convoy mit Ranger in den Park. Der Ranger
zeigt uns Millionen Jahre alte versteinerte Blätter in den Felsen. In diesem
Park sind die ältesten Dinosaurierknochen der Welt gefunden wurden. Doch die
größten Attraktionen sind die durch Erosion geformten Felsen. Riesige Felsen
stehen manchmal auf nur dünnen Füßen in der Gegend herum. Andere Formationen
bilden Löcher oder sehen wie ein Puma aus. Nach 40 Km erreichen wir wieder den
Eingang. Selbst der alte Mercedesbus aus den fünfziger Jahren ist wieder heile
angekommen. In einem Zelt werden zur Zeit die Dinosaurierfunde ausgestellt. Man
ist dabei hier ein Museum dauerhaft einzurichten. An einem Stand können wir
Steine kaufen, die es nur hier gibt. Auch einige kleine Steinfiguren sollen den
Weg nach Deutschland finden.
Am Nachmittag
fahren wir weiter zu dem 100 Km entfernten Park Talampaya. Hier muss man sich
einer Führung anschließen. Mit einem Kleinbus geht es in den Canyon. Die
steilen Wände sind aus rotem Gestein. Wir sehen Petroglyphen und bizarre
Felsformationen. Es gibt Felsen, die wie Türme oder Flaschen aussehen. Ein
Felsen sieht aus wie ein König, ein anderer wie ein Vogel. Eine 120 Meter hohe
Wand sieht aus wie eine Kathedrale, eine andere wie ein Kamin. Wir sollen uns
in die Mitte des Kamins stellen und „Tschau“ rufen. Wir hören ein vierfaches
Echo.
Wir lernen
Monica kennen. Sie hat deutsche Vorfahren und lebt in Buenos Aires. Sie
übersetzt für uns und wir erfahren, dass der Park Talampaya in unserer Sprache
eine nur hier wachsende Baumsorte am Wasser bezeichnet. Sie fotografiert für
eine Zeitschrift in Buenos Aires. Wir kennen hier, dank Martin, aber nur das
argentinische Tageblatt, das hier jede zweite Woche auf deutsch erscheint.
Am Parkausgang
treffen wir eine Gruppe, die nach Ischigualasto mitgenommen werden möchte.
Leider falsche Richtung. Wir müssen nach Chilecito weiterfahren. Über eine
breite Straße, auf der man leicht 300 Km/h fahren könnte, fahren wir in
Richtung Chilecito. Doch plötzlich endet die geteerte Straße und es geht über
Schotterpisten steil in die Berge. Das ist Argentinien! Land der Gegensätze.
Am Abend
erreichen wir Chilecito, wo wir drei Nächte im Apart Hotel absteigen. Der
Besitzer ist ein älterer Mann, der gerne mit seiner Crossmaschine durch die
Gegend düst. Es ist mal wieder Zeit zum Wäsche waschen. Diese Aufgabe wird
gerne von der Angestellten des Hotels bei ihr zu Hause durchgeführt.
Am nächsten
Tag besichtigen wir das Seilbahnmuseum. Chilecito hat mit fast 35 Km Länge die
längste Seilbahn der Welt. Hier wurden früher Erze aus über 4400 Meter Höhe aus
den Bergen ins Tal befördert. Im Museum erfahren wir, dass es unter anderen
auch Deutsche waren, die die Seilbahn gebaut und mit vorwiegend chilenischen
Arbeitern auch betrieben haben. Über jede Lore ist Buch geführt worden. Der Bau
wurde mit Bildern dokumentiert. Es sind sogar noch Zeichnungen und
Materiallisten auf deutsch erhalten.
Wir kaufen
noch Lebensmittel ein, da man sich im Apart Hotel selber verpflegen muss. In
der Nachbarwohnung ist eine argentinische Familie untergekommen, die wir schon
im Park Ischigualasto getroffen haben. Wir kommen ins Gespräch und die Tochter
erzählt mir, dass sie Fußballfan ist und zwei Argentinier in Wolfsburg Fußball
spielen. Da weiß sie mehr als ich. Ihr Vater interessiert sich für unser Auto. Ich
sage das es nur gemietet ist. Er möchte den Mietpreis wissen und ich nenne ihm
den Preis in US$. Man sieht förmlich wie ihm die Kinnlade runterfällt. Mir geht
es durch den Kopf, dass es für argentinische Verhältnisse eine Unsumme sein
muss.
Wir verlassen
Chilecito, nachdem wir unsere Wäsche wieder im Rucksack verstaut haben, in
Richtung San Blas. Hinter Belen nehmen wir die falsche Schotterpiste und landen
in Andalgala. Am Ortsausgang treffen wir ein Pärchen, dass zurück nach Tucuman
mitfahren möchte. Wir nehmen es mit und über eine halsbrecherische Fahrt geht
es durch die Berge. Wenn die beiden nicht beteuert hätten, dass es sich um die
richtige Straße handelt, wäre ich wohl umgekehrt. Nach Stunden verabschieden
wir uns und nehmen den Weg nach Tafi del Valle. Der Ort liegt auf 2200 Metern
Höhe in einem schönen Tal. Wir schlafen uns nach der anstrengenden Fahrt erst
einmal richtig aus.
Am nächsten
Tag besuchen wir im Nachbarort ein Museum, in dem die sogenannte Menhires
gesammelt und aufgestellt wurden. Es handelt sich um über 100 Steinsäulen, von
denen einige bis zu fast drei Meter Höhe aufragen. Ihre Bedeutungen und
Inschriften liegen noch weitgehend im Dunkeln. Man musste sie jetzt hier
sammeln, da die Leute am Fundort schon anfingen, sie zu beschmieren. Auf dem
Rückweg nehmen wir noch einen Mann mit, der nach Tafi del Valle möchte.
Wir verlassen
das Tal und fahren über einen Pass nach Aimacha del Valle. Auf dem Weg dorthin
kaufen wir einige Kakteenfrüchte. Der Junge am Straßenstand ist ganz
überzuckert, dass endlich mal einer angehalten hat. Er will uns gleich eine
ganze Tüte voll mitgeben, aber wir winken ab. Stattdessen gibt Ina ihm etwas
von ihrem Mitgebrachten aus Deutschland und siehe da, sofort sind auch noch
andere Geschwister zur Stelle.
Aimacha del
Valle ist nicht mehr weit, und wir laufen erst einmal die Tankstelle an. Dort
werden uns außer Benzin auch gleich noch Cocablätter angeboten. Sie sollen
gegen die Höhenkrankheit helfen und das Hungergefühl unterdrücken.
Wir besuchen
das hervorragende Museum in Aimacha und bekommen Einblick in das Leben der
Ureinwohner und ihrer Gottheiten. Wir erfahren, dass Pacha Mama die Erde
symbolisiert und der Brauch, dass man den ersten Schluck eines Getränkes auf
die Erde kippt, ihr zu Ehren geschieht. Diese Geste haben wir schon oft in
Südamerika beobachten können. Im Hof stehen aus unzähligen Steinen
zusammengesetzte Figuren der Götter.
Wir fahren zu
den Ruinen von Quilmes weiter. Nach ihnen ist das argentinische Bier und ein
Viertel in Buenos Aires benannt. Die Spanier verschleppten damals die
Quilmes-Indianer von hier aus bis ins 1000 Km entfernte Buenos Aires. Wer
überhaupt ankam, wurde von Krankheiten dahingerafft. Von der einstigen Festung
sind nur noch Mauerreste übriggeblieben. Wir kaufen im Laden vor den Ruinen mal
wieder Steinfiguren und fahren mit zwei Mitreisenden nach Cafayate weiter.
Dort erleben
wir den ersten Wolkenbruch unserer Reise. Wir warten den schlimmsten Teil ab
und fahren dann zum Hotel, das uns in der Touristeninformation empfohlen wurde.
Es ist ein kleines, zentralgelegenes Hotel. Den Abend verbringen wir in einem
Restaurant an der Plaza.
Den neuen Tag
nutzen wir zu einer Besichtigung einer Bodega. Cafayate ist bekannt als
Weingegend. Wir gehen zu einer nahegelegenen, da wir diese zu Fuß besuchen
können und machen eine Führung mit. Am Ende gibt es eine Verköstigung.
Wir besuchen
anschließend die Kirche von Cafayate. Auf der Plaza findet eine Tanzvorführung
statt, bei der Männer, wie Frauen, sich gegenseitig mit Tüchern „einfangen“.
Den Nachmittag verbringen wir mit einem Einkaufsbummel. Hier bekomme ich auch
wieder Diafilme zu kaufen. Man merkt, dass wir wieder in den Touristenstrom
zurückgefunden haben.
Der
Wolkenbruch, der sich in der Nacht als Dauerregen fortsetzte, hat die Straße
nach Cachi mächtig aufgeweicht. Sonst ausgetrocknete Flussbetten haben die
Straße teilweise mit Schlamm überschwemmt. Die Landschaft in Richtung Cachi
wartet mit bizarren Felsformationen auf.
Wir erreichen
gegen Mittag den Ort Molinos. Als ich einen Fluss seitlich durchfahren möchte,
bleiben wir nach dreißig Metern stecken. Was nun? Auf einen Felsen auf der
anderen Seite hat sich schon ein Zuschauer eingefunden. Ein Junge beobachtet
genüsslich, was wir jetzt wohl machen werden. Ich fange an, durch geringes Hin-
und Herfahren, den Wagen aufzuschaukeln. Als ich meine genug Schwung zu haben,
gebe ich Gas. Der Wagen fährt zurück und bleibt an der Kante zu der Straße aber
hängen. Die letzten Meter ist nichts mehr zu machen. Nur mit roher Gewalt
frisst sich der Wagen die Kante hinauf und zurück auf die Straße. Der Wagen tut
mir Leid. Außerdem sieht er jetzt aus wie Schwein. Aber wir fahren wieder.
Zurück.
In einem
Restaurant gegenüber der Kirche wird uns reichlich und gut aufgetischt. Zwei
Männer einer Telefongesellschaft sitzen am Nachbartisch. Sie sind gekleidet wie
Gauchos. Ein Franzose fragt, ob er sie im Hof mit seiner Frau fotografieren
dürfe. Sie willigen ein.
Wir
beschließen noch einmal die Flussdurchfahrt zu wagen, da sich auf der anderen
Seite eine Kooperative befindet, die wir gerne besuchen würden. Dieses Mal
fahre ich den eigentlichen Weg mit reichlich Gas und komme durch. Ina hält das
Ganze im Film fest, falls ich doch wieder stecken bleibe.
In der
Kooperative werden Vicunas gehalten. Aus ihrem Fell werden Sachen gestrickt und
zum Verkauf angeboten. Ich weiß, dass diese Sachen sehr teuer sind, da die
Wolle sehr selten ist. Zu früheren Zeiten soll es nur den Inkakönigen erlaubt
gewesen sein, diese Sachen zu tragen. Ich frage nach einem Pullover. Aber es gibt
zur Zeit keinen. Einen Pullunder könne sie mir aber für 250 US$ anbieten.
Nachdem wir uns gegenseitig eingestehen, dass das ja hier wohl verrückt ist,
was wir machen, willige ich trotzdem ein. Ina kauft noch ein paar Handschuhe
aus Vicunawolle. Wir fahren zurück und müssen eine Werkstatt aufsuchen, um
hinten Luft aufzupumpen. Hat das Steckenbleiben doch seinen Tribut gefordert?
Gegen Abend
erreichen wir Cachi. Ein weiteres Pärchen setzen wir hier ab, die zum Zeltplatz
wollen. Im ACA-Hotel (Automobilclub Argentina) kommen wir gut unter. Das Hotel
ist schön gelegen und besitzt einen Swimmingpool und einen großen, alten Baum
im Innenhof. Der kleine Ort ist schnell durchwandert. Das Restaurant im Hotel
ist abends gut gefüllt. In Argentinien gehen die meisten Leute erst spät, so
nach 21:00 Uhr, zum Essen. Das ist uns oft zu spät, aber wir müssen uns fügen.
Dafür fällt das Frühstück dann eher mager aus.
Am nächsten
Morgen fahren wir auf dem Weg nach Salta durch ein Kakteental. Überall stehen
diese bis zu sieben Meter hohe Pflanzen. Wie lange braucht wohl so eine Kaktee,
um diese Größe zu erreichen?
Auf dem 3348
Meter Höhe gelegenem Pass bekommen wir schon wieder einen Mitfahrer. Ein junger
Mann, der sonst nicht weiß, wie er nach Salta kommen soll. Die Straße windet
sich nun die Berge hinunter. Ein entgegenkommender Tanklastwagenfahrer
inspiziert zu Fuß die Straße, bevor er die Weiterfahrt antritt.
In Salta
angekommen, suchen wir zunächst den Terminal auf. Wir haben für die Weiterfahrt
zwar einen Sitzplatz gebucht, aber sicher ist sicher, da es sich um eine lange
Strecke handelt. Am Schalter erledigen wir gleich die Bezahlung und erhalten
unsere Tickets. Jetzt können wir beruhigt weiterfahren.
Über eine
mautpflichtige Autobahn geht es weiter nach Jujuy. Das Hotel ist zwar nicht
mehr das neueste, aber für eine Nacht werden wir keinen Aufriss mehr machen.
Wir begeben uns in das Gewühl der Stadt und essen noch ganz lustig zu Abend.
Der Kellner versucht uns das Ambiente so angenehm wie möglich zu gestalten. Wir
essen an einem Tisch vor einem Balkon. Der Kellner stellt an einer Hifi-Anlage
Musik an, um wohl den Lärm von draußen zu übertönen. Er schenkt immer die
Gläser nach und tut uns das Essen auf. Es ist etwas sonderbar, aber wir spielen
mit. Irgendwie passt das alte Ambiente nicht zu der Hektik vor der Tür. Ich
sage zu Ina, dass wir nach dem Essen auf den Balkon gehen müssen, um zu unserem
Volk zu sprechen...
Am nächsten
Tag geht es weiter nach Purmamarca, in Richtung bolivianische Grenze. Hier gibt
es einen Felsen, der in sieben verschiedenen Farben leuchtet. Auf der Plaza
haben Händler aus Bolivien ihre Stände aufgebaut. Ich suche nach einem
Pullover, aber in meiner Größe ist keiner dabei. Ina kauft für ihre Nichten
zwei kleine Panflöten.
Wir treten den
Rückweg nach Salta an und wählen in Jujuy einen anderen Weg durch die Berge.
Diese Ecke ist wunderschön. Tausende von Schmetterlingen begleiten uns. Die
Berge sind üppig grün, Gauchos mit Kühen begegnen uns. Hinter der Passhöhe
fahren wir an einem Staussee vorbei. Wir fahren auf eine Wiese und befreien
unser Auto von dem Dreck der letzten Tage.
Weiter unten
baden Menschen im Fluss. Wir halten und kaufen einige Empanadas, die am
Straßenrand angeboten werden. Kurz vor Salta erreichen wir einen Abzweig nach
San Lorenzo. Genau dort wollen wir noch eine Nacht verbringen. Guter Zufall.
In San Lorenzo
übernachten wir auf einer Estancia. Seit der Pesoabwertung werden diese
Herrenhäuser auch für Touristen geöffnet. Die Besitzerin, Ines, ist um das
Aussehen ihrer Estancia sehr bemüht. Den ganzen Tag muss jemand Rasen mähen und
alles ist schön angelegt. Unser Zimmer ist mit Balkon und einem großen
Badezimmer ausgestattet. Ein wunderschönen Ausblick auf die Berge gibt es
kostenlos dazu. Wir fühlen uns wie Graf Koks. Den ganzen Tag werden wir
umsorgt. Am Pool wird sofort ein Sonnenschirm für uns aufgestellt und es werden
Getränke serviert. Frische Handtücher und Eis auf dem Zimmer gibt’s natürlich
auch. Nachdem wir am Abend vom Essen wiederkamen und danach nochmals den Reifen
aufpumpen mussten, waren unsere Sachen im Zimmer schon wieder aufgeräumt
worden. So etwas hat natürlich seinen Preis. Aber einmal wollten wir uns das
gönnen.
Ines erzählt
uns am nächsten Morgen, dass das Haus von ihrem Vater gebaut wurde, der früher
öffentliche Gärten im Baskenland angelegt hat. Voller Stolz zeigt sie uns ein
Bild von einer sehr bekannten Musikgruppe in Argentinien, den Los Chalchaleros,
die hier bei ihr wohnten, wenn sie Auftritte in Salta hatten.
Wir verlassen
Arnaga und fahren, mal wieder mit einem Tramper auf der Rückbank, in die
Innenstadt von Salta um dort ein Hotel, das Pousada del Sol, zu beziehen.
Wir
besichtigen die Kathedrale und die Markthalle. Auf den Fußgängerzonen
schlendern wir stundenlang von einem Geschäft zum nächsten. Vor allem die
Musikgeschäfte haben es mir angetan. Nach längerem Überlegen bin ich nun doch
soweit, mir Musik-DVDs zuzulegen. Diese sind hier spottbillig, im Vergleich zu
Europa. Ich habe zwar noch keinen Player, aber den muss ich mir dann halt
zulegen. So kaufe ich schon die ganze Reise über, was mir gefällt.
Auf der Plaza
vor der Kathedrale wird gerade die Fahne eingeholt. Wir betrachten das
Spektakel von einem Straßencafe aus. Einige Jungs wollen unbedingt meine Schuhe
putzen, aber ich will nicht. Ich lade sie zu einer Cola ein, was die Bedienung
gar nicht gerne sieht. Die Colas werden mit anderen Schuhputzern und deren
Freundinnen geteilt. Nach einer halben Minute ist schon alles verputzt.
Unser letzter
Autotag ist gekommen. Wir nutzen noch einmal die Gelegenheit und fahren zur
Seilbahn von Salta. Mit einer Gondel geht es, über einige Häuser hinweg,
hinauf. Vom Berg aus hat man einen schönen Überblick über die Stadt. Man sieht
sehr schön das schachbrettartige Muster, nach dessen Art fast alle Städte in
Südamerika von den Spaniern angelegt worden sind. Auf dem Berg gibt es
Wasserkanäle mit kleinen Wasserfällen, die von den einheimischen Kindern gerne
zum Spielen benutzt werden.
Die restlichen
Stunden verbringen wir in einem Einkaufszentrum. Dann fahren wir zum Flughafen
und erledigen den Papierkrieg. Die Sache mit dem Reifen interessiert die Dame
von Avis nicht wirklich. Soll mir recht sein. Über 300 Km sind wir zu viel
gefahren. Das heißt Nachbezahlen.
Wir werden von
einem Taxi in die Stadt zurückgebracht und warten im Terminal auf unseren Bus.
Ein Mann kommt vorbei und stellt seine Tasche neben unser Gepäck und bittet
mich darauf aufzupassen. Als er wiederkommt, sucht er seine Tasche. Ich
verstehe nicht, wo das Problem liegt. Die Tasche steht doch da. Doch er wundert
rum und holt jemanden vom Sicherheitsdienst. Ich denke mir, dass er vielleicht
noch eine andere Tasche hatte, aber die hat er doch nicht dahin gestellt.
Aufgeregt erzählt er dem Uniformierten, was geschehen ist. Dann kommt der Bus.
Wir schnappen unser Gepäck und lassen natürlich seine Tasche stehen. Er zeigt
darauf und wir schütteln mit unserem Kopf. Jetzt fällt es ihm wie Schuppen aus
seinen Haaren. Er hat seine eigene Tasche nicht wiedererkannt, weil er dachte,
sie sei blau und nicht schwarz. Er entschuldigt sich bei allen und steigt mit
in den Bus.
Im Bus gibt es
einen DVD-Player. So nutze ich die Gelegenheit und frage den einen Busfahrer,
ob wir nach dem Spielfilm die Bob Marley DVD sehen können. Er willigt ein und
so werden die Insassen mit Reggae in den Schlaf gesungen. Aber nicht jeder
konnte mit der Musik wohl etwas anfangen. So ist das Leben.
Die Fahrt ist
endlos, die Straße teilweise schlecht und leider haben wir keinen coche cama
Bus. Nur Liegesitze. Irgendwann am Morgen erreichen wir nach über 700 Km
Resistencia. Da der Bus doch noch über den Parana nach Corrientes weiterfährt,
löse ich am Terminal noch zwei Tickets nach. Eine gute halbe Stunde später
haben wir unser erstes Ziel für heute erreicht.
Die
Kraft des Wassers
Doch der
Anschlussbus lässt nicht lange auf sich warten und so sitzen wir 10 Minuten
später in einem Bus nach Ituzaingo. Nach schlappen 200 Km oder vier Stunden
Fahrt ist auch diese Etappe gemeistert. Ein Taxifahrer bringt uns zum
Besucherzentrum des Wasserkraftwerkes Yacyreta. Wir müssen jedoch eine spätere
Tour nehmen, da der große Touristenansturm nicht um 15:00 Uhr vollständig
bewältigt werden kann. Man nimmt unsere Personalien auf, vielleicht sind wir ja
Terroristen...
In der
Besucherhalle gibt es eine Ausstellung über den Bau des Kraftwerkes. Mit 3200
MW Leistung produziert es etwa soviel wie 2,5 Atomkraftwerke. Für Argentinien
ist der Bau ein Sargnagel zu seinem Untergang gewesen. Milliarden wurden von
der Weltbank, auch dank unserem jetzigen Bundespräsidenten, Herrn Köhler, der
damals Vorsitzender der Weltbank war, bereitgestellt und sind im
Korruptionssumpf versickert.
Um 17:00 Uhr
sind wir endlich dran. Mit drei Kleinbussen fahren wir auf die Staumauer,
besichtigen eine Schleuse und die Turbinenhalle des Kraftwerkes. Viel mehr ist
bei einem Wasserkraftwerk auch nicht zu sehen, da alles unter der Oberfläche
abläuft. Auf der anderen Seite befindet sich bereits Paraguay, das einen Teil
des Stromes abnimmt.
Nach einer
Stunde werden wir zurückgebracht. Die Tour wird vom Stromunternehmen angeboten
und ist umsonst. Der Taxifahrer, der uns schon den ganzen Tag durch Ituzaingo
fährt, wartet schon auf uns und bringt uns mit seinem alten Gefährt zum
Terminal. Da der Bus gerade einfährt, beschließt er uns direkt am Bahnsteig
abzuliefern und donnert dafür die Ausfahrt hoch und stellt sich in eine Bucht,
die eigentlich für die Busse vorgesehen ist. Das nenne ich Service, wenn er
dafür auch seinen Führerschein aufs Spiel gesetzt hat, den er wahrscheinlich
nicht besitzt.
Der nächste
Bus bringt uns in das 90 Km entfernte Posadas. Noch einmal Taxi fahren und wir
können endlich nach 26 Stunden und 1.000 Km Busfahrt unsere Füße hochlegen.
Am Morgen
regnet es. Nach dem Frühstück beschließen wir nach Paraguay zu fahren. Auf der
anderen Seite des Parana liegt die Stadt Encarnacion. In Encarnacion wird
alles, was sich kopieren lässt, zu Spottpreisen verkauft. Uhren, Brillen,
Zigaretten, CDs, DVDs, Klamotten und Elektronikartikel in rauen Mengen.
Doch bevor wir
die Fahrt antreten können, müssen wir noch ein kleines Problem lösen. Wir
sitzen im Fahrstuhl fest. Die Glocke lässt sich noch ein paar Sekunden
betätigen, dann ist auch sie stumm. Und nun? Ich schätze, dass wir kurz vor dem
Erdgeschoss hängen müssen. Nur keine Panik, auch wenn es immer wärmer wird. Ich
nehme den Telefonhörer von der Wand und probiere einzelne Nummern durch, in der
Hoffnung die Rezeption an die Strippe zu bekommen. Das Gerät funktioniert noch
und tatsächlich nimmt nach der Wahl der 0 jemand ab. Was heißt auf spanisch wir
sitzen im Fahrstuhl fest? Gott sei Dank spricht sie auch englisch. Elevator ist
mir geläufig und sie sagt mir, dass schon jemand unterwegs sei.
Nach fünf
Minuten wird die Tür von außen geöffnet. Endlich frische Luft. Wir müssen noch
einen Meter hinabspringen und dann stehen wir auch schon vor der Rezeption im
Erdgeschoss. Später im Zimmer lernen wir vorsorglich, das Fahrstuhl auf
spanisch ascensor heißt. Man weiß ja nie...
An der Grenze
versuchen wir Kontakt mit dem Zoll aufzunehmen, da die eine Frau bei Localiza
uns erzählt hat, dass man als Ausländer die Steuern, die in Argentinien 21%
betragen, zurückbekommen könne. Man schickt uns von Pontius zu Pilatus und nach
einer Stunde Recherche verweißt man uns nach Puerto Iguazu. Hier wäre das nicht
möglich. Nun gut, ein Versuch war’s Wert.
Mit dem
nächsten Bus lassen wir uns in der Innenstadt von Encarnacion absetzen. Hier
sieht alles noch runtergekommener aus. Die Verkaufsstände werden durch Planen
vom Regen geschützt. Wir schlendern einige Stunden durch die Straßen und ich
kaufe mal wieder DVDs.
Dann wollen
wir uns auf den Rückweg machen. Eine geregelte Haltestelle ist nicht in Sicht.
So fragen wir eine junge Frau, wo der Bus abfährt. Wir stehen schon an der
richtigen Stelle. Sie müsse auch in die Richtung. Nach einer Weile spricht sie
mit einem Autofahrer und zeigt uns, dass wir Einsteigen sollen. Es stellt sich
heraus, das Privatleute hier einen privaten Pendeldienst zwischen Paraguay und
Argentinien betreiben. Die anderen Insassen sind neugierig, von wo wir kommen.
Das Mädchen steigt vor der Grenze aus und der Fahrer erlässt ihr einen Teil des
Fahrpreises, weil sie ja zwei weitere Passagiere rekrutiert hat.
An der Grenze
müssen die Passagiere leider auf uns warten, da die Abfertigung von Gringos
etwas länger dauert. Am Check Point traue ich meinen Augen nicht. Das sind doch
deutsche Kennzeichen. Ich gehe auf die drei Motorräder zu und spreche den einen
Fahrer, der sich gerade eine Zigarette ansteckt, an. Tatsächlich sind die drei
aus Thüringen. Zwei Monate fahren sie bereits kreuz und quer durch Südamerika.
Bis Machu Pichu in Peru sind sie gefahren und nun soll es durch Uruguay wieder
nach Buenos Aires gehen, von wo aus die Motorräder in einem Monat nach Hause
gebracht werden. Ich bewundere die drei. So etwas hatte ich auch schon einmal
im Hinterkopf, aber bisher ließ sich dieser Traum nicht verwirklichen.
Der Fahrer
setzt uns am Hotel ab und verabschiedet sich fröhlich von uns. Am Abend kaufen
wir noch ein argentinisches Tageblatt und ein paar Lebensmittel, bevor wir ins
Hotel zurückkehren.
Die letzten
300 Km bis zur brasilianischen Grenze ziehen sich dahin. Der Bus hält an jeder
Ecke. Wir treffen eine ausgewanderte Deutsche im Bus, die sich angeregt mit Ina
unterhält und über das Leben in Argentinien berichtet. Schnee kann sie sich gar
nicht mehr vorstellen. Und die Kälte, das muss nicht sein. Sie kommt aus Puerto
Rico, ein schöner Ort, auf dem Weg nach Puerto Iguazu. Wir kommen mit den
Busfahrern ins Gespräch. Sie bieten uns Matetee an. Diese Zeremonie sieht man sehr
oft hier. Der Tee wird massenweise in Misiones angebaut. Es werden dazu
reichverzierte Gefäße aus Holz oder Zinn verwendet, die mit Matetee gefüllt
werden. Dann steckt man einen Löffel in das Gefäß, der unten mit einem Sieb
versehen ist. Der Tee wird aus einer Thermoskanne mit heißem Wasser
aufgegossen. Nun wird das Getränk von einem zum anderen gereicht und immer
wieder mit heißem Wasser aus der Thermoskanne aufgefüllt. Der Tee wird durch
den Löffel, der innen hohl ist, gesaugt. Wem der Tee zu stark ist, der kann
auch Zucker dazugeben. So geht das den ganzen Tag. Heißes Wasser bekommt man
überall umsonst. In Restaurants oder auch an Tankstellen wird es angeboten.
Wir erreichen
Puerto Iguazu am Nachmittag. Das Hotel Saint George liegt gleich gegenüber des
Busterminals. Es besitzt einen Swimmingpool und einen Jakuzzi. Genau das
richtige für unsere müden Knochen.
In Puerto
Iguazu ist zum letzten Mal Wäsche waschen angesagt. Im Hotel ist uns das zu
teuer, darum bringen wir die Wäsche am nächsten Morgen zu einer Wäscherei. Von
dort lassen wir uns mit dem Taxi zur Grenzstation bringen. Auch hier werden wir
harsch abgefertigt, was das Zurückverlangen der Steuern belangt. Wir
unternehmen einen letzten Versuch am Flughafen von Puerto Iguazu. Auch hier das
selbe Bild. Eine Angestellte von Hertz bietet uns ihre Hilfe an und möchte am
nächsten Tag mit uns zum Hauptzollamt in Puerto Iguazu gehen, um dort für uns
zu übersetzen. Wir willigen ein, obwohl ich mir nichts mehr davon verspreche.
Wir nutzen den
angebrochenen Tag um den Nationalpark Iguazu zu besuchen. Wir müssen hier
mächtig aufpassen, dass die Taxifahrer uns nicht abzocken. Wir kennen die
argentinischen Preise und sind nicht gewillt, die wesentlich höheren
Touristenpreise zu bezahlen. Am Ende geht es dann auch irgendwie und die
korrupten Taxifahrer machen eine lange Nase.
Der Park ist
wunderschön. Wir buchen eine Tour, auf der man mit dem Jeep durch den „Urwald“
zu einem Boot gebracht wird, das dann in die Wasserfälle hineinfährt. Mit
Menschen verschiedener Nationen an Bord machen wir uns auf den Weg zu den
Fällen. Erst zögerlich, dann bis das Boot mit Wasser vollgeschwappt ist.
Die
Wassermassen sind gigantisch. Aus einer Höhe von etwa 70 Metern stürzen in
etlichen Wasserfällen die Wassermassen des Iguazu von einem Plateau in die
Tiefe. Der größte Teil der Fälle liegt in Argentinien, auf der anderen,
brasilianischen Seite hat man dafür einen schöneren Blick auf die Fälle. Das
ganze Spektakel wird von einem Kameramann im Boot festgehalten. Auch wir kaufen
eine DVD, die uns dann ins Hotel gebracht wird. Zu Hause sind wir dann aber,
über das langweilige Video, enttäuscht. Live ist halt doch besser.
Wir sind nass
bis auf die Knochen, als wir aussteigen. Wir steigen die Felswand wieder hinauf
und mit einem kleinen Zug werden wir zum Ausgang gebracht. Für die
Teufelsschlucht bleibt keine Zeit mehr. Man muss halt doch einen ganzen Tag für
den Park einplanen. Ein Bus bringt uns nach Puerto Iguazu zurück, wo wir noch
unsere Wäsche abholen müssen. Außerdem lassen wir unsere Flüge in Brasilien,
vom Hotel aus, rückbestätigen. Zu unserem Bedauern erfahren wir, dass unser
Flug von Brasilia nach Rio de Janeiro vorverlegt worden ist. Da besteht noch
Klärungsbedarf.
Am Abend wird
draußen mächtig getrommelt. Wir haben Anfang Februar und der Kontinent versinkt
im Carnaval. Die Straße vor dem Hotel ist gesperrt worden und die ersten
Gruppen mit ihren Baterias marschieren auf. Die Menschen säumen die Straße von
beiden Seiten. Die Kinder haben Dosen mit Schaum gekauft und bespritzen sich
und die umherstehenden damit. Einige hübsche Mädchen schäumen ganz schön...
Wir suchen uns
ein Restaurant in der Nähe, von wo aus wir das Treiben hautnah miterleben
können. Mit etwas Zuckerwatte versüßen wir uns die Nacht, bevor wir ins Hotel
gehen.
Am nächsten
Morgen wartet Carolina, die Frau von der Hertz-Agentur, an der Rezeption auf
uns. Wir fahren zum Zollamt. Dort erklärt man uns, dass nur gekaufte
Gegenstände absetztbar sind. Ich zücke die Rechnungen der gekauften Sachen, und
nun ändert der Beamte seine Auffassung. Es wären nur Sachen absetztbar, für die
man eine Toll Free Bescheinigung bekommen hätte. Diese hat aber kein Geschäft
in Argentinien, außer das eine hier an der Grenze. Wir merken schon, wo das
endet. Also verabschieden wir uns höflich. Carolina meint, wir sollten es zu
Hause über die Botschaft versuchen. Wir gehen noch gemeinsam zum Hotel zurück,
wo wir uns dann verabschieden, denn Carolina muss noch zur Arbeit. Ich bedanke
mich mit ein paar Pesos für ihre Hilfe.
Wir nehmen
heute den Bus nach Paraguay, um uns Ciudad del Este anzuschauen. Der Bus fährt
durch Brasilien durch, ohne anzuhalten. Das Treiben in Ciudad del Este ist
chaotisch. Die Stadt ist als die Schmugglerstadt schlechthin hier bekannt. Die
Einwohnerzahl hat sich in den letzten Jahren verzehnfacht. Durch ihre
strategisch günstige Lage zu Brasilien und Argentinien hat sie einen Vorteil
gegenüber anderen Städten in Paraguay. Ich würde am liebsten das
Wasserkraftwerk Itaipu besuchen, aber in dem Gewühl ist es aussichtslos einen Bus
zu finden, der dorthin fährt. Itaipu soll mit 12,6 GW das größte
Wasserkraftwerk der Welt sein.
Wir schauen
uns die Stände an und ich kaufe mal wieder ein paar Musik-DVDs. Die Stadt ist
schmutzig. Wir suchen die Abfahrtstelle des Busses nach Argentinien, können sie
aber auch nicht finden. Dauernd werden wir von Kleinbusfahrern angesprochen,
die uns zurückfahren wollen. Schließlich finden wir an der Brücke zu Brasilien
eine Getränkevierkäuferin, die uns sagt, dass der Bus hier stündlich vorbei
fährt. Als er dann kommt, hält sie ihn für uns an, was ein Hupkonzert der
Autofahrer zur Folge hat. So kommen wir dann doch noch wieder günstig nach
Argentinien zurück.
Am Abend wird
auf der Straße weiterhin Carnaval gefeiert. Wir packen unsere Sachen, da es für
uns die letzte Nacht in Argentinien ist. Einen Monat sind wir jetzt quer durch
das Land gefahren und haben doch lange nicht alles sehen können. Aber kann man
das überhaupt? Selbst wenn man mehr Zeit an einem Ort verbringen würde, so
bleibt es doch immer eine Momentaufnahme.
Carnaval
do Brasil
Nachdem uns
der erste Taxifahrer versetzt hat, sitzen wir schließlich in einem anderen. Es
geht die schon bekannte Strecke in Richtung Foz do Iguazu, nach Brasilien. In
Brasilien ist es wegen der Zeitverschiebung schon eine Stunde später, als wir
im internationalen Flughafen die Flugänderung nach Rio de Janeiro abklären. Uns
wird ein späterer Flug angeboten. Somit bleibt uns doch noch Zeit in Brasilia
für eine Stadtrundfahrt. Geht doch.
Am Nachmittag
fliegen wir mit der TAM über Curitiba nach Brasilia, wo wir gegen Abend
ankommen. Wir zeigen dem Busfahrer die Adresse unseres Hotels. Er nickt, dass
wir einsteigen sollen. Nach geraumer Zeit kommt uns die Strecke aber spanisch
vor und ich zeige einem hübschen Mädchen vor uns die Adresse. Sie spricht mit
ihrem Freund und die beiden deuten uns an, dass sie uns den Weg zeigen werden.
Der Bus fährt in den Terminal in der Stadtmitte ein und die beiden führen uns
zu einem Taxistand und erklären dem Taxifahrer, wo er uns hinbringen soll.
Außerdem nennt sie uns den Preis, was die Strecke höchstens kosten darf. Wir
verabschieden uns dankend. Diese Frau könnte echt Mannequin sein, geht es mir,
beim Blick auf ihre langen Beinen, durch den Kopf.
Fünf Minuten
später sind wir im Hotel. Das Hotel ist sehr gut, mit großem Fernseher und
Swimmingpool auf dem Dach. An der Rezeption versucht man eine Stadttour für
morgen zu organisieren. Dieses ist nicht einfach, da auch hier der Carnaval
grassiert. Aber ein paar Stunden später ist das Problem gelöst.
Das Frühstück
um 10:00 Uhr schaffen wir gerade noch. Gott sei Dank gibt es hier keine
Auscheckzeit. Wir dürfen ohne Mehrkosten, die Wartezeit bis 14:00 Uhr, im Hotel
bleiben.
Dann werden
wir mit einem Kleinbus abgeholt. Die Rucksäcke nehmen wir mit, da uns der Guide
nach der Tour gleich am Flughafen absetzen wird. Es geht kreuz und quer durch
die Stadt. Wir besuchen das Memorial von Kubitschek, der maßgeblich an der
Gründung Brasilias beteiligt war, bevor das Militär die Macht ergriff. Seine
Gebeine werden in einem Sarg in der ersten Etage aufbewahrt. Wir erfahren das
Brasilia wie ein Flugzeug aufgebaut ist. Die Hotelkomplexe Nord und Süd bilden
die Flügel. In der Mitte der Busbahnhof, und im Cockpit das Regierungsviertel.
Wir
durchfahren gerade die Holzklasse. Die Hochhäuserkomplexe verfügen über eine
Schule, Arztpraxen und Geschäfte befinden sich in unmittelbarer Nähe, so dass
alle Geschäfte in kurzer Distanz erledigt werden können.
Wir
besichtigen die wunderschöne Kathedrale von Brasilia, die sich leider wegen
Konstruktionsmängel zu stark erwärmt. Im Regierungsviertel stehen Soldaten vor
einem Gebäude, als Repräsentanten des Staates, sich die Beine in den Bauch.
Eine Skulptur erinnert an die Ureinwohner Brasiliens. Wir schauen uns noch den
Regierungspalast aus der Ferne an, bevor unser Guide uns an den Botschaften
vorbei zum Flughafen fährt. Wir erfahren, dass seine Mutter in der
brasilianischen Botschaft in Berlin arbeitet und dass er einige Zeit in
Frankfurt als Kellner gearbeitet hat.
Nach dem Start
wird es bereits dunkel und wir fliegen in den Sonnenuntergang hinein. In Rio
gehen wir zunächst zum Taxischalter, um die Fahrt nach Niteroi zu organisieren.
Die Frau am Schalter fragt mich, ob wir noch etwas brauchen könnten.
Spaßeshalber sage ich ja, wir benötigen noch Karten für das Sambodrome. Sie
greift zum Telefonhörer und bittet uns zu Warten. Als sie aufgelegt hat, sagt
sie uns, dass ein Mann von einer Touristenagentur, die einem Hotel an der
Copacabana angegliedert ist, gleich vorbeikommen würde. Er hätte noch Karten.
Ich kann es kaum fassen. Was habe ich nicht alles aufgestellt und jetzt gibt es
noch Karten? Fairerweise muss ich aber im Hotel in Niteroi nachfragen, ob die
nicht auch Karten besorgen konnten. Ich glaube zwar nicht, weil sie mir keine e-Mail
mehr geschickt haben, aber ich rufe an. Und siehe da, auch dort hat man Karten
für uns! Ich kann mein Glück gar nicht fassen und wir verbleiben mit dem Mann
von der Agentur so, dass wir ihn anrufen, falls es in Niteroi doch nicht
klappen solle. Er könne uns die Karten für Sektor 7 für 700 Reales pro Person
besorgen.
So besteigen
wir das Taxi und lassen uns nach Niteroi bringen. Im Hotel sagt man uns, dass
sie Karten für Sektor 7 für 350 Reales pro Person besorgen können. Diese würden
morgen ins Hotel gebracht werden. Besser geht es ja gar nicht! Ich kann unser
Glück nicht mehr fassen. Typisch Südamerika. Am Ende geht’s halt doch.
Wir schlafen
ausgiebig schon einmal vor, denn das Spektakel beginnt um 21:00 Uhr und geht
bis morgens in die Frühe. Dann warten wir geschlagene vier Stunden auf den Mann
mit den Karten. Gegen 15:00 Uhr kommt ein Taxifahrer und bringt uns die Karten.
Endlich halten wir die Karten mit den Magnetstreifen und ein Schild, das man
sich um den Hals hängen muss, in unseren Händen. Vier Stunden vor Abfahrt zum
Sambodrome ist es nun sicher: Wir sind dabei!
Das Taxi am
heutigen Tag kostet gleich mal das Doppelte des Normalen. Dieses war zu
erwarten. Der junge Mann ist nett und steht sicherlich mit der einen Frau
hinter der Rezeption in irgendeiner Weise in Verbindung. Aber das kann uns doch
egal sein, wer das Geld verdient. Wir vereinbaren mit ihm, dass er uns um 04:00
Uhr wieder abholt, länger halten wir es sowieso nicht aus. Er sagt, dass er
uns, wegen der Absperrungen, nicht direkt vor dem Sambodrome absetzen kann. Er
lässt uns an einer Brücke heraus und sagt, dass er um 04:00 Uhr wieder hier
sein werde.
Bis zum
Eingang ist es noch etwa ein Kilometer. Die Straßen sind überfüllt mit
Menschen. Überall kann man Getränke oder Gegrilltes kaufen. Eine Bühne für
Live-Auftritte befindet sich auf der anderen Straßenseite. An der Kopfseite des
Sambodromes kann man auf die ersten Wagen hinunterschauen, die sich bereits in
Reihe und Glied aufstellen. Wir kaufen noch ein paar Sitzkissen und überqueren
eine Straße, an der sich der Eingang zum Sektor 7 befindet. Die Magnetkarte
muss eingeschoben werden, und dann lässt einen das Drehkreuz ein.
Im Sambodrome
gibt es Buden mit T-Shirts, eine Band spielt Sambamusik, begleitet von
Tänzerinnen. Essensbuden von Bob findet man an jedem Sektor. Bei uns wäre das
wohl Mac Donald. Beim Aufgang auf die Tribüne werden uns Trinkflaschen,
Prospekte, Fromms und Pinkelhilfen für Frauen zugesteckt. Die denken auch an
alles!
Die Tribüne
ist völlig überfüllt. Zwischen den Sitzreihen jonglieren die
Cheeseburgerverkäufer von Bobs und die Getränke- und Eisverkäufer hindurch.
Jeder Millimeter muss verteidigt werden. Das kann ja heiter werden. Die 21:00
Uhr rücken näher und die Show beginnt mit einem Feuerwerk. Über uns kreist ein
Hubschrauber.
Das Sambodrome
ist etwa einen Kilometer lang. Eine Sambaschule besteht aus bis zu 3000
Mitgliedern. Sieben Sambaschulen sind bereits am Sonntag hier durchgegangen und
sieben werden es auch heute sein. Jede Schule hat ein Zeitlimit und wird
beurteilt. Dazu stehen an bestimmten Stellen Punktrichter. Die Bateria und der
Song werden genauso beurteilt, wie auch die eingebrachte Fantasie, die im
Aufbau der dargestellten Wagen zum Ausdruck kommt oder der Gesamteindruck des
Zuges.
Von weitem
hört man schon die Bateria der ersten Gruppe. Wenn so an die 200 Trommler auf
die Pauke hauen, lässt das wohl keinen mehr kalt. Im Zug gehen auch die Sänger
mit, die über Funkmikrofone ohne Unterlass das Lied über eine Stunde zum besten
geben müssen. Die Kostüme sind umwerfend. Diese Farbenpracht! Einige
symbolisieren Reiter auf ihren Pferden, andere sehen wie Fußbälle oder wie
Kobolde aus.
Andere
hingegen haben so gut wie überhaupt nichts mehr an. Aber die Frauen können sich
das bei diesen Figuren auch erlauben. Bei der Wärme auch sicherlich nicht
unangenehm. Braungebrannte Haut bis zum Abwinken. In Köln oder Mainz hätte man
damit wohl ein Problem.
Die Wagen
werden von Hand geschoben und müssen von vorne dirigiert werden, damit auch
hinten gleichmäßig geschoben wird. Durch ihre, manchmal bis zu vierstöckige
Höhe, ist eine Sicht nach vorne nicht mehr möglich. In mehreren Etagen tanzen
leichtbekleidete, junge Frauen zur Musik. Jede Schule hat ihr eigenes Motto,
das sich durch den gesamten Auftritt zieht. Rollstuhlfahrer haben aber ebenso
ihren Platz im Zug, wie auch zahlende Europäer.
Das
Fotografieren von der Tribüne aus ist nicht einfach. Dauernd wird man von
einem, der durch will, geschupst oder vor einem wird wild geschunkelt.
Andauernd muss man neu ansetzen, weil ein Kopf die Sicht versperrt. Und da die
ganze Schule in Bewegung ist, ist ein zweiter Versuch zu einem guten Bild zu
kommen, meist nicht mehr möglich. Aber auch das gehört dazu.
Die Schulen
sind länger unterwegs, als vorgesehen. So erfahren wir am nächsten Tag, dass
die letzte Sambaschule erst morgens um sieben Uhr losgehen konnte. Da war es
bereits wieder hell.
Wir
verabschieden uns nach der vierten Schule um 03:30 Uhr und gehen Richtung
vereinbartem Treffpunkt. Überall sieht man jetzt Menschen, die ihre Kostüme
abgelegt haben und vor sich hin schwitzen. Das ist doch richtig anstrengend.
Bereits in der nächsten Woche wird man mit den Vorbereitungen für den Carnaval
2006 beginnen.
Der Fahrer
erzählt uns, dass er hier in Rio einige Stunden geschlafen hat. Wir fahren los,
aber einige hundert Meter weiter stoppt er auf einmal und macht das Licht im
Innenraum an. Auf der Straße stehen Polizisten mit Maschinengewehren. Das sind
wohl keine Kostüme, die sind echt. Sie mustern uns und wir dürfen weiterfahren.
Der Fahrer überfährt jede rote Ampel. An der letzten Ampel, die grün zeigt,
hält er an. In der Nacht müssen hier wohl andere Regeln gelten.
Den Morgen
verschlafen wir. Nachmittags genießen wir noch einmal eine Coco Frio und am
Abend essen wir in einem Restaurant am Strand mit Blick auf den Zuckerhut,
bevor die Sonne untergeht und die Bucht in Dunkelheit gehüllt wird.
Das
Paradies in den Tropen
Früh morgens
werden wir im Taxi zum Flughafen gebracht. Wir werden auf einen früheren Flug
umgelegt und müssen sofort einchecken. Aber erst bestätigen wir am Schalter der
TAM noch unseren Langstreckenflug, zurück nach Paris.
In Salvador de
Bahia ist es, durch die Zeitverschiebung, nochmals eine Stunde später. Wir
möchten die letzten sechs Tage auf der Insel Morro de Sao Paulo verbringen. Für
den Rückweg von der Insel haben wir einen Flug gebucht, den wir jetzt im
Flughafen bestätigen und bezahlen.
Wir lassen uns
mit einem Taxi vom Flughafen zum Fährableger nach Salvador bringen. Es regnet
sehr stark. Am Ableger erfahren wir, dass der Katamaran wegen des schlechten
Wetters nicht fährt. So bringt uns der Taxifahrer zu einem anderen Fährableger, von wo aus wir mit einem
anderen Katamaran nach Ipiau übersetzen können.
Die Überfahrt
ist auch in dieser geschützten Bucht schon sehr wackelig. Auf der anderen Seite
fahren wir dann mit einem Bus weiter nach Valenca. Von dort bringt uns ein Boot
in einer ¾ Stunde auf die Insel. Damit haben wir mal wieder nicht rechnen
können. Aber am späten Nachmittag erreichen wir dann doch noch unser Ziel.
Auf Morro gibt
es keine Autos. Der ganze Transport wird mit Hilfe von Schubkarren
durchgeführt. Wir werden gleich in Empfang genommen und unser Gepäck wird den
steilen Aufgang hinaufgeschoben. Die ersten vier Tage haben wir eine Unterkunft
in der Posada Escorregue no Reggae gebucht. Der Besitzer, ein Rastafari, hat
die Posada an die Österreicherin Sigi verpachtet. Mit ihrem Freund Dieter und
drei Angestellten schmeißt sie den Laden. Alles ist zur Zeit ausgebucht, da wir
uns in der Woche nach dem Carnaval befinden. Viele die in Salvador die letzte
Woche gefeiert haben, ruhen sich nun auf Morro noch einmal aus, bevor sie
wieder an die Arbeit gehen.
Es ist heiß
und feucht auf Morro. Das Leben erlischt bis zum Nachmittag fast vollständig,
da die Temperaturen in der Sonne nicht auszuhalten sind. Sigi meint, man hat
hier nur noch ein drittel der Kraft, wie zu Hause. Alles geht einen Schritt
langsamer. Der Ort ist schnell erkundet.
Am nächsten
Tag gehen wir baden. Durch die Ebbe haben sich kleine Pools an den Stränden gebildet, in denen man sich treiben
lassen kann. Doch wir merken zu spät, dass die Flut zurückkehrt, so dass unsere
Sachen schon teilweise im Wasser liegen. Für uns haben die paar Stunden in der
Sonne bereits ausgereicht, um uns einen gehörigen Sonnenbrand zu verpassen.
Die nächsten
Tage beschränken wir uns auf Essen gehen und Caipirinha trinken. Wir lassen die
Seele baumeln, sitzen bis in die Nacht am Tresen der Posada und klönen. An
einem Abend rühre ich mit der einen Angestellten, Elisaangela, einen Kuchen an,
der zum Frühstück gereicht wird. Des weiteren werden außer Wurst und Käse auch
immer verschiedene Melonen und andere Früchte zum Frühstück gereicht. Nur ein
Frühstücksei ist wegen der Salmonellengefahr nicht zu bekommen.
Sigi und Elisaangela
versuchen uns immer wieder zu einer Tour oder zu einer Strandpartie zu
überreden. Sie verstehen nicht, dass wir nach sechs Wochen Reise, nur noch Ruhe
suchen..
Nach vier
angenehmen Tagen wechseln wir noch einmal die Unterkunft und gönnen uns den
Luxus pur. Für die letzten zwei Tage wohnen wir in der Posada Natureleza. Wir
verbringen den halben Tag und die halbe Nacht in dem Jakuzzi, auf dem Balkon,
mit Blick auf das Meer. So lässt es sich leben. Doch auch diese Zeit geht
vorbei. Wir müssen Morro verlassen, um, vom Flughafen auf dem Festland, den
Rückflug mit Addey nach Salvador antreten zu können.
Zwei kleine
Maschinen stehen für den Rückflug zur Verfügung. Das Gepäck wird in der
Schnauze, den Tragflächen und im Heck verstaut. Die Maschine landet nicht
direkt auf dem internationalen Flughafen, so dass noch ein weiterer Transfer
von Nöten ist.
Am Schalter
der TAM bekommen wir einen Schock. Angeblich ist kein Platz mehr frei für uns,
obwohl wir alle Flüge rückbestätigt haben. Schön, bleiben wir eben hier. Man
nimmt uns alle Unterlagen weg und verschwindet im Hinterzimmer. Man lässt uns
fast eine halbe Stunde im Ungewissen vor dem Schalter stehen. Auf einmal geht
es dann doch. Typisch Südamerika! Das Problem war wohl der Flug nach Sao Paulo,
da die TAM den Flug mit der VARIG zusammengelegt hat. Erleichtert wechseln wir
unsere durchgeschwitzten Klamotten auf der Toilette gegen trockene aus. Ich
kaufe noch schnell ein paar CDs, da die Zeit durch diese Einlage schon wieder
drängt.
Der Flug wird
dann aber unerwartet noch um eine Stunde verschoben, da die Maschine Verspätung
hat. Irgendwann geht es doch noch los.
In Sao Paulo
wartet man schon auf uns und wir werden nach nochmaligem Einchecken zum
wartenden Flugzeug begleitet. Die Maschine ist schon voll.
Nach kurzer
Zeit verlassen wir den südamerikanischen Kontinent und nach 11 Stunden Flug
erreichen wir den Flughafen Charles de Gaulles in Paris. Der Rückflug nach
Hannover endet in der Dunkelheit.
Am Flughafen
benötigen wir einen Gepäckwagen. Zu meinem Erstaunen, muss man ihn mit einem
Euro füttern. Das gibt es nur in Deutschland! Wir fahren durch den Zoll und
begeben uns zum Zug. Am Zug gibt es keine Möglichkeit, den Wagen wieder
anzustöpseln. Wir bringen unser Gepäck in den Zug und ich möchte meinen Euro wiederhaben.
Als ich den Wagen zurückbringen möchte, ist er weg. Da hat doch schon einer
darauf gewartet. Das kommt hier sicherlich öfter vor. Servicegesellschaft
Deutschland!
Es ist kalt
geworden. Wir kaufen uns im Hauptbahnhof von Hannover einen heißen Kakao, um
die Zeit auf dem Bahnsteig zu überstehen. Noch Schlimmer kommt es in
Braunschweig. Als wir die Wartezeit im Bahnhof überbrücken wollen, müssen wir
zur Kenntnis nehmen, dass auch im Bahnhof nicht geheizt wird. Auch die Flucht
in einen Imbiss bringt keinen wärmenden Erfolg. Wo sind wir hier nur gelandet?
Eine halbe
Stunde später fährt der Zug nach Frellstedt ab. Mit einer letzten Autofahrt
neigt sich unsere über 40.000 Km lange Reise dem Ende entgegen.
50 Tage sind
wir nun unterwegs gewesen. Wir haben dabei wieder viel erleben dürfen.
Angekommen sind wir noch lange nicht. Es kommt mir vor, als ob, mit jeder
Reise, ein Teil von mir nicht mehr den Weg nach Hause findet. Um das empfinden
zu können, reicht die Vorstellung nicht aus. Man muss es selber erleben.